Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Josef Popper-Lynkeus
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 256 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen Josef Fopper-Lynkeus JOSEF POPPER-LYNKEUS Alles, was wir von einem Menschen sagen können, Ist die Ausdeutung eines musikaliehen Gefühls, das uns vor seinem Wesen ergreift Seltsam freilich, wenn ein Mensch, den wir um seiner Ideen willen ehren und um seines Charakters willen nahe fühlen, für uns tonlos ist Lange Zeit erging es mir so mit dem jüngst verstorbenen Josef Fopper-Lynkeus. Ob ich seine Erzählungen oder seine sozialen Schriften las, ich hörte nirgends bei diesem Liebhaber der Musik die Musik einer Seele. Als einmal die Blätter meldeten, er habe seine Bibliothek der Universität in Jerusalem vermacht, schien mir das Rätsei seines Lebens noch verworrener, Seitdem ich aber seine Selbstbiographie kenne, bin ich mir der unwiederholbaren Einheitlichkeit dieses jüdischen Lebens bewußt. Denn gerade aus dem musikalischen Vakuum seiner Werke (wenn ich so sagen darf) läßt sich der Prozeß seines äußeren und inneren Lebens erklären, von der Geschichte des einen zentralen Gedankens bis zu seinem Stil, der alle mitschwingenden Obertöne in eigenwilliger Scheu zerstört Ja das ist es: eigenwillige Scheu vor allem, was dem Leben seine mystischen Akkorde gibt, vor der unerrechenbaren Triebhaftigkeit und vor der Konfrontierung mit dem Unendlichen! Seine tiefsten Lebenskämpfe reichen nie in die Sphäre des Tragischen hinüber, sie bleiben paradoxe Überwindungsversuche mechanischer Hindernisse* Als der Vierzehnjährige 1851 das Koüner Ghetto verließ, um an der Prager Oberrealschule und später am Prager Polytechnikum zu studieren, überwältigte ihn vor dem Opfer seiner unvermögenden Eltern das Symbolische dieses Weges: Befreiung des Menschen von den niedrigen materiellen Zwängen, Immer deutlicher fühlte er es fortan als das Glück seines Lebens, alle geistigen Anlagen In dieser Richtung wie zu einer großen menschheltllchen Aufgabe gesammelt zu halten. Mathematik und Naturwissenschaften, die den Geist von jeder nebligen Spekulation lösten, schienen ihm die rettenden Helfer, Die Not riß ihn immer wieder von seinem Wege. In Wien, wo er nächtelang tech- JssUe Berichte für seine selbst geschriebene Zeitungskorrespondenz zusammenstellte,— der Hunger hatte ihm diese Idee eingegeben — sollte sich sein Befreiungsglaube klären» Ein kurzer Hofmeisterposten ermöglichte dem einsam Abgedrängten die Beschäftigung mit der Nationalökonomie. Damals erkannte er, daß eine gerechte Umlagerung der gesellt schaftlichen Machtfaktoren nur durch eine Idee bewirkt werden könnte» Er war freilich nicht Erotiker genug, um Künstler zu sein, auch nicht Empörer genug, um Politiker zu werden; von beiden hatte er nur ein schüchternes Stück in sich. Darum hotte er auf den gewaltlosen Mechanismus einer Idee. Welche Paradoxlel Er, durchaus Nachfahr jener materialistischen Aufklärungszeit, welche die breite Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts erfüllt, glaubt an den Einfluß der Idee auf die Materie. Er entdeckt Schiller für sich, er versteht die Schwärmerei Rousseaus, Freilich waren Idee und Idealismus für ihn ebensolche Objekte, wie die Materie selbst; er sah ihnen zu, wie man gern und hingegeben einer schönen und tröstenden Täuschung zusieht. Und er baute seine-neuen Theorien der Gesellschaftsordnung derart auf, daß er die idealistischen Werte im Menschen gar nicht in seine Rechnung einzusetzen brauchte. Er wollte nicht von einer geistigen Umwandlung der Menschen ausgehen, er wollte die Menschen so nehmen, wie er sie sah, als Materie* Um seine Gedanken reifen zu lassen, bedurfte er der Zeit Aber die Zeit war hart Öffentliche Anstellungen waren ihm als Juden verschlossen. So warf er sich aufs Erfinden, Er tat es nicht mit der Inbrunst oder der' Geste eines Menschheitserlösers. Niemand war skeptischer gegenüber dem übelverringernden Wert der Erfindungen als dieser Materialist Um eines höhern Zieles willen grübelte und experimentierte er. Seine Kesseleinlagen gegen das Anbrennen der Dampfkessel, seine Luftkondensatoren zur Abkühlung des Dampfes durch Luft betrachtete er niemals als wesentliche Leistungen; sie sollten ihm nur streckenweise ein unbekümmertes Auskommen verschaffen. Erst dort, wo eine allgemeine Idee den technischen Sonderfall durchleuchtete, fühlte er sich auf höherer Ebene: sozusagen in der Romantik des Stofflichen, durchweiche schwer Verberg-