Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Linke
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 254 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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254 Bemerkungen: Die Linke rechtigte Partner Englands, Dann aber, wenn sich nur ein in der Hauptsache ideeller, nicht „reeller" Wert des Zionismus feststellen läßt, fehlt auch jeder objektive Maßstab dafür, was wir hätten erreichen können. Wir wissen nämlich infolgedessen nicht einmal, was wir hätten erreichen sollen. Vielleicht, daß wir mehr bekommen, wenn wir mehr gefordert hätten. Vielleicht aber auch nicht, sondern gar nichts. Um im einzelnen zu den Vorwürfen Bubers gegen die zionistische Leitung Stellung zu nehmen: Die Leitung hat nach Buber „unsere überpolitische Einstellung völlig aufgegeben", hat unseren Anspruch auf Palästina mit dem Englands auf das Mandat „verquickt" und sich als „unbedingten Parteigänger Englands deklariert". Ich weiß nicht, auf welche konkrete Tatsachen sich diese Kritik bezieht; mir sind keine bekannt, die einen solchen Vorwurf rechtfertigen würden. Soll hier aber die politische Einstellung der zionistischen Führer im allgemeinen gemeint sein, so frage ich dagegen, wie diese hätten anders handeln sollen. Die Neutralität der zionistischen Sache besteht doch nicht etwa darin, daß wir erklären, Palästina gern aus den Händen der Engländer und auch ihren militärischen und politischen Schutz bereitwillig anzunehmen, gleichzeitig aber kein Hehl daraus machen, daß wir im übrigen auf sie pfeifen? — Ferner; „Wir haben zu fordern, was wir benötigen, um arbeiten zu können, nicht mehr und nicht weniger",-nämlich statt einer „Ziel-Deklaration die lebensnotwendigen Bedingungen unserer Arbeit". Solange diese nicht genannt werden, ist es schwer, auf' diesen Punkt einzugehen. Meint Buber z. B. das später genannte Recht der freien Einwanderung, so hat kaum jemand voraussehen können, daß deren Beschränkung mit dem Begriff des „national hörne" für die Juden vereinbar ist. Und dann hätte man auch sämtliche anderen erdenklichen negativen Rechte fordern müssen. Ein solches ist nämlich das der Immigrationsfreiheit; es besagt, daß keine Beschränkungen der Einwanderung erlaubt sein sollen. Ebenso guthätten auch Gewissensfreiheit, Lehrfreiheit, usw. verlangt werden müssen. Ob positive Zugeständnisse wie ein Präsentationsrecht der zionistischen Organisation für das Amt des Oberkommissärs oder eine englische Garantie für eine jüdische Volksanleihe für Palästina u. a. hätten gefordert werden sollen und können, vermag ich nicht zu beurteilen. Es wird sich hier auch schwer ein objektives Recht oder Unrecht der Leitung feststellen lassen; diese Kombinationen sind alle aus den früher angeführten Gründen Sache rein persönlicher Anschauung. — Der Vorwurf, daß die Leitung nicht sogleich nach Kriegsende „eine große, systematische, wohlvorbereitete, wohlorganisierte Kolonisationsarbeit" begonnen hat, ist berechtigt. Es ist nur die Frage, an wessen Adresse er zu richten ist. Bedeutet Leitung hier soviel wie politische Leitung, d. h. in erster Linie Weizmann, so ist er unberechtigt. Die Kolonisationsarbeit und die Aufbringung der hierzu notwendigen Mittel waren nicht seine Sache und doch hat er sich auch für die Geldaufbringung zur Verfügung gestellt. Daß die Amerikaner und die Gruppe Julius Simons, denen diese Aufgabe doch eigentlich oblag, versagten, ist nicht der politischen Leitung vorzuwerfen. Im übrigen ist es auch nur gerecht, einer Regierung schlechte Verwaltung und Verwendung der Steuergelder vorzuhalten, nicht aber, daß sie nichts eingetrieben hat, wenn sie kein Exekutionsrecht besitzt und alle Versuche, freiwillige Zahlungen zu erhalten, mißglückten. Vielleicht hätten noch größere Anstrengungen gemacht werden müssen, als sie erfolgten. Doch auch deren Ergebnis hing nicht bloß von der Leitung ab. — Daß schließlich die zionistische Exekutive anders mit den Arabern hätte verhandeln sollen,' ist ebenfalls zutreffend. Aber auch diese Verhandlungen wären erfolglos geblieben, wenn die Haltung des palästinensischen Jischuw, dem in dieser Sache die Hauptrolle zukommt, sich nicht geändert hätte. Ich habe nicht die Absicht, die Leitung in Schutz zu nehmen. Aber es geht nicht an, ihr einfach alle Schuld aufzuladen, ohne ganz klar die Verantwortung der einzelnen Zionisten für die heutige Situation hervortreten zu lassen. Vor allem muß politische Kritik ihre Vorhaltungen durch konkrete Fälle und Unterlagen begründen. Eine solche Begründung vermisse ich auch für den Hinweis Bubers, daß die zionistischen Führer keinen „Geschichtsblick" besitzen und mit