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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 4 · p. 255

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 4
Article
Die Linke
Date
1921-01-01
Page
255 (sequence 8)
Language
German
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Bemerkungen: Die Linke 255 den wirksamen politischen Tendenzen nicht rechnen. Meint Buber die liberalen und sozialistischen in England, so läßt sich leicht beweisen, schon durch Aufzählung der hervorragendsten englischen christlichen Freunde des Zionismus, daß diese Auffassung falsch ist. Meint er die bolschewistische, so ist sie richtig. Aber ich glaube, es hat keinen Zweck, überhaupt mit einer Tendenz zu rechnen, die der zionistischen durchaus entgegengesetzt und feindselig ist. Auch die Folgen, die Buber für den Zionismus bei allmählich fortschreitender Dezentralisation des britischen Reiches erwartet, werden nicht angegeben. — Außerdem scheint Buber noch immer die Bedeutung dieser verschiedenen Tendenzen zu überschätzen und Personen wie Lloyd George zu unterschätzen. Die Neuwahlen werden zeigen, wie mächtig alle diese verschiedenen Bewegungen und Parteien, vor allem aber die regierenden Personen in England sind. Ich kann mir nicht vorstellen, daß Tendenzen, wie wir sie hier in Deutschland unschwer wahrnehmen, gerade Weizmann unbekannt bleiben sollten* und er mit ihnen nicht rechnet, wenn dies ihre politische Kraft verlangt. Schließlich noch einige Worte zur Kritik : des „synthetischen Zionismus44. Es ist richtig, daß die Tatsachen Recht schaffen und also rechterzeugend sind. Ich habe schon darauf hingewiesen, wie insbesondere das Faktum des Besitzes auch Rechtsfolgen nach sich zieht, Rechte gewährt („Der Jude", V. Jahrgang, Heft 11). Umgekehrt schafft auch das Recht Tatsachen. Die „demokratische Fraktion" hatte daher Recht; als sie nicht bloß „politische", sondern auch „praktische" Arbeit verlangte. Das Recht auf die jüdische Besiedlung Palästinas ermöglicht erst die Siedlungsarbeit und die Siedlungsarbeit verhilft im wesentlichen zum Recht darauf. Der Gedanke, daß praktische und politische Arbeit nebeneinander laufen müssen, ist somit, was die Tendenz der zionistischen Bemühungen, was ihr Seinsollen anlangt, zweifellos richtig. Zieht man aber den praktischen Erfolg, das Seinkönnen, in Betracht, denkt man also politisch, was ja bedeutet: innerhalb des Bereichs des Möglichen — es stimmt, also muß das Schlagwort immer Wiederholt werden! — ist die Synthese falsch, weil unmöglich. Mit einem Vergleich aus der Geschichtswissenschaft ausgedrückt, verbürgt den Erfolg einer politischen Bewecung keine synchronistische, sondern nur eine chronologische Synthese ihrer verschiedenen Methoden. Der Richtung und dem Tempo nach wird natürlich keine der beiden Arbeitsweisen vernachlässigt werden dürfen, sie werden immer nebeneinander hergehen müssen. Aber praktischen Erfolg wird in verschiedenen Zeiten nur eine haben und damit auch die für diese Zeit ausschlaggebende sein. In den Jahren der großen politischen Krisen und Entscheidungen ist die praktische Arbeit gegenüber der politischen unwesentlich und kann sich nur auf die Erhaltung des Bestehenden beschränken, in Jahren ruhiger und gleichmäßiger politischer Entwicklung ist die polltische Tätigkeit die unwichtigere und kann sich gleichfalls auf die Sicherung des Status quo beschränken, der die ganz allgemeine, eventuell nicht einmal ausdrückliche, sondern nur faktische Berechtigung gewährt. Die praktischen Tatsachen ermöglichen es dann, gegebenenfalls auch ihre rechtliche Anerkennung zu erwirken; die politisch erworbenen Rechte ermöglichen es wiederum, später die für ihren Weiterbestand notwendigen tatsächlichen Verhältnisse zu begründen. Kurz gesagt,erfordern Zeiten der Evolution auch eine evolutionistische Methode, Epochen der Revolution eine revolutionäre. Der Zionismus ist nicht nur, wie Kurt Blumenfeld es ausdrückte, eine Revolution mit langem Atem, wie er es jetzt wieder nach dem Kriege und seinen politischen Entscheidungen geworden ist, er war auch, im Weltkrieg, eine mit kurzem Atem, die durch eine ungeheure Komprimierung und dann plötzliche Entfesselung ihrer Kräfte das vorgesetzte Ziel erstürmt. Der Praktiker Weizmann wurde im Kriege darum auch folgerichtig Politiker. Nicht wir, sondern die Zeit schafft die Synthese und nur der geschichtlichen, nicht der politischen Betrachtung wird der Zionismus zur synthetischen Bewegung. Siegmund Kaznelson

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