Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Linke
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 252 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3101111-3101175-3101180-3106656--5046-3106722- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
252 Bemerkungen: Die Linke Blick nun durch die eine oder die andere Art der Politik gebannt bleibt, wenn wir nicht unser ganzes Augenmerk und alle unsere Energie bis zur letzten Anspannung auf die Ermöglichung der realen Arbeit konzentrieren. Wenn Buber gesprochen hätte: die zionistische Politik war falsch, ihre „diplomatische Leistung von einer bedauerlichen Enge", aber das ist heute nicht mehr entscheidend, sondern nur eine Lehre für die Zukunft; entscheidend ist jetzt die reale Aufbauarbeit, das heißt Geld und Menschen, und von dieser wird es abhängen, ob wir überhaupt noch jemals wieder werden Politik treiben können — wäre dies logischer und auch tröstlicher gewesen als sein paradox optimistischer Gelegenheitspessimismus. An einen solchen vermag ich nicht zu glauben. Ich kenne einen Weltanschauungspessimismus, der trotz der erdrosselnden Erkenntnis der unüberwindlichen Tragik allen Lebens, Tuns und Wirkens, trotz tödlicher Bitterkeit und hoffnungsloser Schwermut das Leben und sein Gesetz auf sich, an seine Brust nimmt, wie Hekuba in den „Troerinnen" des Euripides. Aber es scheint mir sowohl eine Verwischung von Schuld und Sühneforderung zu sein wie auch eine Zerstörung des Vertrauens in dem einfachen, unkomplizierten Arbeiter, wenn man ihm sagt: „unsere fehlerhafte Einstellung auf dem Gebiete der Politik macht sich noch unvergleichlich stärker und folgenschwerer als auf dem der Wirtschaft geltend", und darum müsse er erst recht arbeiten. Buber formuliert fünf Vorwürfe gegen die Politik der zionistischen Leitung, alle leider sehr allgemein gehalten und nicht durch. konkrete Einzelheiten belegt, die wohl in einem weiteren Artikel folgen sollen. Diese kritischen Ausstellungen werden von einer gemeinsamen, für sie ausschlaggebenden Voraussetzung getragen: „England hatte und hat Interesse an Palästina als einer großen weltwirtschaftlichen Zukunftsposition". Buber versteht nicht, wie Englands „wirtschaftspolitisches Interesse an Palästina bezweifelt werden kann". Trotzdem bezweifle ich es. Ich glaube weder, daß ein solches Interesse wirklich besteht, noch daß es die zionistischen Führer bei den Verhandlungen mit der englischen Regierung während und nach dem Kriege als besonders bedeutungsvoll betont haben, noch daß es ihnen die englischen Staatsmänner und das englische Volk geglaubt hätten, selbst wenn sie dies im Sinne Martin Bubers vei sucht haben würden. Ich kann nicht annehmen, daß das wirtschaftspolitische Interesse an einem Land, das bis zum Krieg größtenteils wüst und unbebaut zwischen zwei so wichtigen agrikulturellen und handelspolitischen Kolonisationszentren wie Aegypten und Syrien-Libanon lag, so plötzlich wachsen kann. Ich kann nicht annehmen, daß das wirtschaftlich-politische Interesse, das England und Frankreich bis zum Jahre 1916 die im Sykes-Picot-Abkommen vereinbarte Angliederung je einer Hälfte des Landes an diese Kolonisationszentren gebot, durch die Aussicht auf das beispiellose Experiment der friedlichen Kolonisation eines in aller Welt zerstreuten, städtischen Bevölkerungselements, wie es die Juden sind, sofort eine andere Richtung bekommen hätte. Ich kann nicht annehmen, daß sich Weizmann auf dieses vermeintliche wirtschaftliche Interesse an Palästina als auf das Fundament der englisch-jüdischen Zusammenarbeit besonders gestützt hätte. Ich sehe wenigstens keine Beweise für das Gegenteil und die strategischen Vorteile Palästinas für England, die wir seiner Regierung als eines unserer Hauptargumente vorgeführt haben, hat Weizmann auf dem Kongreß selbst als Humbug erklärt. Und ich kann schließlich nicht annehmen, daß nicht jeder Engländer aus seiner kolonialen Erfahrung zur Einsicht gelangt wäre, dem wirtschaftlichen Interesse seines Reichs sei besser durch eine Kolonisation nach ägyptischem Muster gedient als durch künstliche Schaffung eines Nationalitätenstaates mit allen seinen endlosen politischen und wirtschaftlichen Streitigkeiten, deren Beginn wir ja schon in den letzten Jahren erleben konnten. Das eine kann wohl mit einiger Sicherheit konstatiert werden: daß das weltwirtschaftliche Interesse Englands an Palästina keineswegs so zwingend war, um die Balfour-Erklärung genügend zu motivieren, und daß es auch von zionistischer Seite nicht als das entscheidende Argument verwendet wurde. Damit entfällt die wesentliche Voraussetzung von Bubers Kritik: daß wir ein