Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Linke
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 251 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3101111-3101175-3101180-3106656--5045-3106721- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Bemerkungen: Die Linke 351 Es sei aber gestattet, vorher noch eine prinzipiellere, eine Vorfrage zu berühren, die ich nach einer staatsrechtlichen Analogie mit dem Problem der Kompetenzkompetenz vergleichen möchte. Die Aufrollung der Frage nach dem Recht der Kritik bedeutet eine Kritik der Kritik. Ich bezweifle nun selbstverständlich nicht irgendeines Zionisten und Nichtzionisten, geschweige denn Martin Bubers Recht zur Kritik der zionistischen Politik, soweit die Kritik ihrer Verantwortung bewußt bleibt. Woran ich zweifle, ernstlich und nachhaltig zweifle, ist die Zweckmäßigkeit und innere Opportunität einer solchen Kritik in diesem Zeitpunkt. Die Hauptaufgaben der zionistischen politischen Arbeit sind erfüllt. Ob gut oder schlecht, ist eine eigentlich nur theoretische Frage, die an den erzielten Ergebnissen nichts mehr ändert. Diese sind für uns unabänderlich. Es scheint mir wenigstens, daß niemand von zionistischer Seite, der auch nur einen beschränkten Sinn für Verantwortung hat, ernstlich eine Abänderung der Balfourdeklaration, der entsprechenden Artikel des Vertrages von Sevres und des Mandats Über Palästina verlangen kann. Sollen aus der Kritik Lehren für die Zukunft gezogen werden, mag sie ihre Berechtigung haben, soweit es sich um die weitere politische Sicherung des Errungenen handelt. Unsere heutige Position aber kann nicht die beste, die genialste Politik der Welt erweitern und verstärken. Das kann nur noch unsere reale kolonisatorische Arbeit. Und deren Mangel oder Mißlingen können nicht die glänzendsten Reden und Verhandlungen mehr verdecken. Die politische Situation des Zionismus wird so stark oder schwach sein wie unsere Anstrengungen und deren Erfolg in Palästina. Das noch immer bei allen zionistischen Gelegenheiten sich hauptsächlich auf die Politik konzentrierende Interesse ist eine Flucht vor sich selbst, das Verschließen der Augen vor dem heute allein Wesentlichen, das nichts anderes als die zum Aufbau notwendigen finanziellen Mittel und Menschen sind. Die politische Arbelt ist heute und eigentlich schon seit einiger Zeit eine Angelegenheit durchaus sekundärer Natur geworden und es ist Selbsttäuschung und Ablenkung, sie weiterhin als die Kardinalfrage zu betrachten. Die aus der Kritik der zionistischen Politik gewonnenen Erfahrungen werden wir erst verwerten können, wenn wir auf Grund der von und in Palästina geschaffenen Realitäten daran gehen, unsere polltischen Ziele weiter zu stecken als heute. Ich fürchte,daß es bis dahin noch ziemlich lange dauern wird. — Die Anschuldigung des „Defaitismus" ist sicherlich absurd. Aber auch der „Arbeits-Pessimismus" Bubers ist mir nicht verständlich. „Arbeiten, trotz allem arbeiten, und wenn die Diplomatie versagt, erst recht arbeiten! Es ist Selbsttäuschung, zu meinen, die Diplomatie könne mehr, als der Arbeit je und je die Hindernisse aus dem Wege räumen", sagt Buber. Dieses „Erstrecht-arbeiten, wenn die Diplomatie versagt", ist wie ein „credo quia absurdum" der praktischen Arbeit. Und daher als praktische Regel, nicht als ethische Forderung, durch seinen inneren Widerspruch lähmend. Das Postulat entschlossenster Arbeit, des Erstrecht-arbeitens, besteht für sich allein über allem Zweifel zu Recht. Aber dieses „Dennoch" und „Trotzdem" kann und darf keinen schuldhaften, vergangenen und vor - allem keinen zukünftigen Mißerfolg gewissermaßen sanktionieren. Versagt die Diplomatie, dann arbeite man selbstverständlich erst recht. Aber zunächst stelle man die Ursachen ihres Versagens ab, damit das „Erst recht" nicht diene, Fehler der Diplomatie auszugleichen, sondern die vorhandene Leistung noch zu erhöhen; vorausgesetzt, die diplomatischen Mängel seien für den Gang der Arbeit von wesentlicher Bedeutung. Das aber behauptet und führt Buber des näheren in seinem Aufsatz aus. Mit einer Eindringlichkeit, deren Gewicht eine schwere Schuld und Verantwortung auf unsere politischen Führer wälzt, erklärt er: „Unsere Augen sind von dem diplomatischen Krimskrams gebannt, als bereite sich in diesen glatten Unverbindlichkeiten unser Schicksal. Unser Schicksal bereitet sich in eben dieser Gebanntheit unseres Blickes, wenn wir uns nicht endlich von.ihr befreien". Ich brauche es hier noch nicht zu entscheiden, ob die „Diplomatie" Weizmanns oder die Politik des „Geschichtsblicks" Bubers die richtige ist. Dies aber kann von dem heutigen Augenblick gesagt werden: daß sich unser Schicksal bereiten wird, ob unser