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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 4 · p. 250

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 4
Article
Die Linke
Date
1921-01-01
Page
250 (sequence 3)
Language
German
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250 Bemerkungen: Die Linke panem et circenses wird, circenses für die Masse, panem aber für die Führenden, die sich zum Futtertroge des Aligemeinen drängen*. Man mag manchen zionistischen Führern verschiedenes vorzuwerfen haben, dies eine aber kann man gewiß keinem nachsagen: den Drang zur Futterkrippe. Darum ist auch schon die Andeutung und der Analogieversuch in dem zitierten Satze empörend und kränkend. Es ist Journalismus übler Art, einen sich zufällig aufdrängenden Vergleich — Einfälle sind nach Hebbel die Läuse der Vernunft — gleich bis in alle Einzelheiten auszuführen, auch wenn er nicht im geringsten stimmt, wie es hier Hans Kohn tut. Aber je weniger eine Analogie heute stimmt, als umso geistreicher gilt sie. Zu den nicht wenigen Peinlichkeiten des Aufsatzes, gehört es auch, wenn in solcher Kritik das „heiter klar schwebende Lächeln" des Kollegen Spinoza angerufen wird, der auch „unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit das Zwergentreiben in der Zeit gesehen hat". Solcher Blick sub specie aeternitatis ist wahrhaft überwältigend. Überheblichkeit des Tones steht zum sachlichen Inhalt in umgekehrtem Verhältnis. Der Kongreß „hat alles beim alten gelassen. Selbst an sich minimale Forderungen, deren Erfüllung natürlich in keiner Weise die Lage wesentlich verbessert hätte, wie die Übersiedlung der Leitung nach Palästina oder Mitteleuropa, scheiterten an der mechanischen Technik des Kongresses . . .", heißt es gleich zu Anfang. Die Gelassenheit, mit der das festgestellt wird, die Forderungen sowohl wie ihr Scheitern, ist (in einem Wort:) enorm. „An sich minimale Forderungen" ist übrigens gut. Weder das Postulat der Übersiedlung nach Palästina noch der Vorschlag der Etablierung in Mitteleuropa stammt von der zionistischen Linken, der Hans Kohn angehört. Das erste Postulat ist von der Brandeis- und Nordau-Gruppe, hauptsächlich aus innerpolitischen Erwägungen, aufgestellt worden, das zweite hat meines Wissens bisher (im Ernst) nur Hans Kohn erhoben. Wenn etwas an dieser als kühle Selbstverständlichkeit flüchtig erwähnten Forderung minimal ist, so ist es ihre politische Einsicht. Offenbar ist es diese auch, die Hans Kohn zur Feststellung berechtigt, daß „der Kongreß Intellektuell ein niedrigeres Niveau bot als die vorhergehenden, die Reden meist schlecht und nichtssagend waren". Doch nicht bloß der ganzen Klasse, auch den Einzelnen erteilt der Herr Oberlehrer recht saftige Zensuren. Sokolow erhält eine Rüge für seine „bei der Klugheit dieses Mannes unbegreiflich schlechten Reden". Weizmann muß einen Verweis, für sein „Unverständnis, die ruhige, schamhaft nüchterne, verhaltene Fassung des Amerikaners (Brandeis) auch nur zu ahnen", einstecken. Diese solchermaßen gelobte Fassung, aus der Brandeis beim Bericht Weizmanns über die furchtbar drängende Notwendigkeit der Geldbeschaffung für Palästina nicht zu bringen war, bestand im Hinweis auf das Wetter. Hans Kohn hätte das geahnt und nicht solches Unverständnis bewiesen : e r hätte gleich vom Wetter zu reden begonnen. „Erfreulich" ist die Note, die Julius Simon bekommt; auch das „Niveau" Ruppins hat „nicht überrascht". Am glimpflichsten kommt, wie das den Herren Oberlehrern ja eben immer wieder passiert, das enfant terrible weg, das am ehesten einen scharfen Tadel verdiente. Von Jabotinsky sagt Hans Kohn, sehr mit Recht: „Daß man von einem führenden Politiker zumindest Maß, Takt, Haltung, Zurückstellung persönlicher Eitelkeiten verlangen muß, ist eine der fruchtbarsten Erkenntnisse des Kongresses". Leider nicht des Kritikers Hans Kohn, über dessen Glosse nichts weiter als dieser Satz gesagt zu werden braucht. Sofern und soweit die zionistische Linke durch Äußerungen wie diesen Aufsatz repräsentiert wird, genügt das in jenem Satz enthaltene Urteil. 2. Aber sie hat auch Sprecher, deren aus tiefem Verantwoi tlichkeitsgefühl fließende Worte der Mahnung und Kritik gehört, geprüft und beherzigt werden müssen, auch wenn man zu ganz anderen Folgerungen als den ihren gelangt. War bisher nur Zurückweisung am Platze, so macht der ebenfalls im ersten Heft des „Juden" erschienene Aufsatz Martin Bubers „Kongreßnotizen zur zionistischen Politik" eine ausführliche sachliche Würdigung und Entgegnung notwendig. Buber kritisiert die bisherige Politik der zionistischen Leitung; wie ich glaube und darlegen werde, vielfach mit Unrecht.

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