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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 4 · p. 249

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 4
Article
Die Linke
Date
1921-01-01
Page
249 (sequence 2)
Language
German
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Bemerkungen: Die Linke 349 mus zu sein braucht. Den oppositionellen oder regierungstreuen Bürger, auch wenn er sich Sozialist nennt, ficht die bekannte, ihm heute viel zu gemächliche Weisheit, daß jedes Ding zwei Seiten hat, wenig an. Er sieht heute nur die eine, die seine, ob er nun von rechts oder von links schaut. Verantwortlich ist der „Opposition" (sit venia verbo!) im Zionismus nur die Leitung, ebenso wie den Regierungsgetreuen nur diese Opposition, die an allem Schuld hat Der Gedanke, daß auch ihre Kritik verantwortlich sein müsse, liegt beiden fern. Zu verantworten hat sich nur der andere, unser ist das Amt des Anklägers und Richters. Die Gerechtigkeit sind wir; darum schaut sie nicht gerade und mittendurch, sondern schielt nach rechts oder links. Fiat itio in partes, pereat mundus! 1. Verantwortlich kann man die Kritik kaum nennen, die Hans K o h n Im ersten Hefte dieses Jahrgangs des „Juden" am Zionistenkongreß geübt hat. Daß bisher niemand darauf ein Wort der Erwiderung gefunden hat und dieses wieder jemandem überlassen bleibt, den persönliche Beziehung stark genug bindet und hemmt, ganz davon abgesehen, daß nach der Auseinandersetzung über die Araberfrage in den letzten beiden Heften des vorigen Jahrganges es den Anschein gewinnt, als wolle er die Polemik gegen diesen Autor zu seiner Spezialität machen, — das ist kein gutes Zeichen für das Verständnis von Kritik und das kritische Verständnis im Zionismus. Das antisemitische Urteil, dem Juden sei die verecundia, die Ehrfurcht fremd, ist unwahr; die oft genug blinde und fanatische Verehrung, die der einfache wie der hochgestellte religiöse Jude seinem „Rebben" oder „Raw" gegenüber empfindet, ist der beste Gegenbeweis. Nirgends findet sich aber eine solche Hemmungslosigkeit der Kritik und eine manchmal bereits lächerliche Furcht vor Autoritätsglauben so häufig wie bei Juden. (Die Ableitung dieser Erscheinung aus den demokratischen Wurzeln des jüdischen Wesens kann hier nicht versucht werden. Auch Jakob Wassermann, in seiner Schrift „Mein Weg als Deutscher und Jude", spürt einen „profunden Demokratismus darin, der Jahrtausende zurückweist aui die natürliche Gleichheit bei Nomadenvölkern, Heft 4 wo keiner sich über den andern erhebt. Die Juden tragen gegen ihre großen Männer stets ein unausgesprochenes Gebot: du sollst dich nicht über uns erheben, denn vor Gott sind wir alle gleich." Ferner ist auch eine Bemerkung Georg Jellineks in seinem „Allgemeinen Staatsrecht" über die demokratische Idee bei den Juden in diesem Zusammenhang von Interesse. Es heißt dort: „In der gesamten Literatur aller Völker dürften nicht so viele herbe, tadelnde, strafende Urteile über Könige zu finden sein wie in der Israels. Von der Monarchenvergötterung anderer orientalischen Völker hat sich das israelitische Volk gänzlich frei gehalten... Dazu kommt eine stark ausgeprägte demokratische Tendenz der israelitischen Gesetzgebung, die in der Sorge für die nichtbesitzenden, minderberechtigten und abhängigen Gesellschaftsklassen auf viel höherem Standpunkt steht als die der westlichen Völker des Altertums ... Der Israelit hat eine ausgeprägte Persönlichkeit, die er auch dem Könige gegenüber geltend macht, da es dessen Aufgabe ist, Rechtsschutz gemäß dem ihn bindenden Gesetz zu gewähren". Auch im nächsten Abschnitt weist Jellinek auf den „t i e f g e - h enden demokratischen Grundzug im politischen Charakter Israels" hin.) Verletzendes Bekritteln, höhnische Skepsis, kränkende Ironie, maßlose Beschimpfung, die sich auch im Zionismus jeder unreife oder subalterne Geist erlauben zu können glaubt, darf sich ein Autor wie Hans Kohn nicht gestatten. Ton und Schreibweise seiner Bemerkung „Vom Kongreß" im Oktoberheft 1921 des „Juden" sind aber ungezügelt und dem Ernst, den er wie die Zeitschrift fordert, unangemessen. Es ist unangebracht und peinlich, von einer „Zeitenwende, deren Um^ risse . . . sich m i r (Hans Kohn) immer klarer o f f e n b a r e n", zu sprechen und dann fortzufahren, daß „der Zionismus, den der Kongreß repräsentiert, krank, zersetzt und innerlich hohl wie seine Zeit" sei. Für Empfänger von Offenbarungen ist eine solche Ausdrucksweise immerhin ungewöhnlich. Nicht mehr peinlich, sondern schon unzulässig ist es, auch im Zusammenhang und ohne direkten Hinweis, jedoch mit ziemlich deutlicher Beziehung auf den Zionismus von einer Demokratie zu sprechen, die „ein Schrei nach 17

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