Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1921-01-01 · Heft 4 · p. 248

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 4
Article
Die Linke
Date
1921-01-01
Page
248 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
91% known words query
IRI
…/3101111-3101175-3101180-3106656--5042-3106718
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

BEMERKUNGEN DIE LINKE -Was ist heute einfacher als das Rechte zu tun und sich links zu halten oder, wenn man will, auf den Zug nach links mit dem Ruck nach rechts zu reagieren, auf daß das gottgewollte Gleichgewicht, die prästabilierte Harmonie des Bestehenden sich weiter konserviere? Es gehört schon zum politischen Unter- und Entscheidungsvermögen jeder 'Hammelherde, den Weg zur heimatlich vertrauten Parteihürde allein zu finden. War es einmal gefährlich, Partei zu nehmen, Verantwortung zu spüren und zu tragen, einseitig sein wollen mitten im Rausche des vielfältigen Lebensreichtums? Forderte das einmal den ganzen Menschen, wie es jetzt nur einen einzigen seiner Sinne, den der politischen Witterung, verlangt? Die schweren Schlachten sind - schon lange geschlagen, die großen Entscheidungen schon gefallen, die moralischen Forderungen des Sichstellens, Eintretens, Elnstehens längst verblaßt. Auf den Schlachtfeldern, wo die gefallenen Kämpfer und Soldaten der Idee ruhen, führen jetzt frischbekehrte Etappenhelden, vorsichtige Nachzügler der Fronttruppen, politisierte Literaten und Nutznießer fremder Opfer und Siege die Scharen schläfriger Bürger zum Sturm auf das feindliche Par,Jeilager. Regierung und Opposition ist gleich billig geworden, Neutralität und Parteilosigkeit doppelt so schwer. Die früher so ängstlich indifferenten Geister haben Blut geleckt und wollen nicht demobilisieren. Wer sich einst wohlweislich nicht beteiligte, weil es nichts eintrug, nimmt heute am lebhaftesten Anteil, d. h. Partei. Denn nun lohnt es sich. Man ist rechts und man ist links (auch wenn man im Zentrum steht), man ist nur nicht außerhalb. Der Außenseiter, der draußen bleibt, den kein Parteidach schützt und der über dem Getümmel stehen will, empfängt von beiden Seiten, von rechts und von links, die Streiche. Der Verprügelte wird dann noch aufs ethische Rad geflochten: nicht nur als unnatürlicher, geschlechtsloser Zwitter und moralische Amphibie ein Schrecken und Abscheu, ist er auch der „mittleren Linie", des „goldenen Mittelwegs" und damit erzkompromißlerischer Gesinnung dringend verdächtig. Alle Schablonen für den einstmaligen Indifferentismus werden hervorgeholt, geglüht und dem armen Parteilosen und Mann der Mitte als Stigma eingebrannt. Was weiß der idiotisch heitere Bürgersinn der Rechts- und Linksparteien von Wucht des Antriebs und Schwere der Hemmung, Sehnsucht der Hinneigung und Schmerz der Gebundenheit, Glück des Ansturms und Raserei des Erliegens in dieser unseligen, folternden Mitte und der ihr immanenten maßlosen Problematik! Was ist ihm paradoxer als ihre Leidenschaft der Gerechtigkeit, ihr Feuer der Sachlichkeit, ihre Glut der Objektivität? Wer nicht mit ihm ist, ist wider ihn. Nie wird er zugeben, daß Parteilosigkeit auch Unparteilichkeit sein kann. Nie wird er begreifen, daß man gegen die Parteien der Linken und für ihre wesentlichen Ziele auftreten, daß man gegen den leisesten Versuch eines orthodoxen Gewissenszwangs in Palästina sein kann, mag er sich noch so harmlos maskieren, aber sich ebenso scharf gegen den beleidigenden Antrag auf dem Karlsbader Zionistenkongreß wenden muß, der durch „Übergang zur Tagesordnung" eine Weltanschauungsfrage mit dem ordinären Mittel eines schlecht verstandenen Majoritätsbegriffs kurzerhand außerhalb des primitivsten parlamentarischen Rechts, des Rechts der Diskussion, zu stellen sich anmaßte; nie wird er einsehen, daß die Ablehnung des dogmatischen Pazifismus der Legionsgegner keine Zustimmung zu Jabotinskys konsequentem Militaris-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.