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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 4 · p. 246

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 4
Article
Briefe eines Verschollenen
Date
1921-01-01
Page
246 (sequence 6)
Language
German
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246 S. Eisenstadt: Kowner erscheint uns hier in einer dichten Maske, die dennoch seine Gesichtszüge verrät. Doch nur selten lauscht er der Stimme seines Herzens, er folgt immer mehr der seines Gehirns, das ihm nach langjährigem Grübeln zur Selbstverneinung gebracht hat. Bereits in seiner hebräischen Schrift „Cheker dawar" (1865) betritt er diesen Weg. Indem er die vom Kiewer General-Gouverneur im Jahr 1864 an die jüdische Intelligenz gerichtete Frage über den Wert der modernen hebräischen Literatur beantwortet, erklärt er, daß die hebräische Sprache keine unmittelbaren Erlebnisse zum Ausdruck bringe und die hebräische Literatur kein Mittel sei, wahres Wissen und Kultur ins Volk zu pflanzen. Dazu sei nur die russische Sprache zu brauchen. Durch die russische Aufklärungsbewegung seiner Zeit, durch den edlen Geist der Narodniki angezogen, wird Kowner zum bewussten Assimilanten, er will als Russe unabhängig von dem Taufakte gelten, denn der Taufakt sei in seinem Leben eine blosse nichtssagende Formalität gewesen, die er zum Zweck der Heirat auf sich genommen habe. Er ist aber bloss Assimilant für sich, er sieht sich selbst als einen „vollständig russifizierten Menschen" an, spürt aber die Tragödie der Masse, die nicht so leicht im Kessel der Russifikation aufgehen kann und will. Außer Mitleid und Fürsprache weiß er jedoch für seine ehemaligen Volksgenossen nichts aufzubringen. Das jüdische Problem ist für ihn nicht ein Problem des jüdischen Volkes, sondern ein Teilproblem der russischen Staatspolitik. Die Gleichberechtigung gilt ihm als Mittel, das die Assimilation der Juden erleichtert und rasch vorwärts bringt. Er selbst hat sich nur deshalb, wie er meint, assimileiren können, weil er an den erhabenen Ideen der russischen Aufklärung erzogen wurde. Indem er sich auf den bekannten russischen Philosophen und Denker Wladimir Solowjew beruft, sagt er in seinem Briefe vom 7. Oktober 1901: „Es gefällt mir ganz besonders sein Hauptgrundsatz: Wären die phristen nur wahre Christen, so hätten die Juden schon längst aufgehört Juden zu sein. Ist denn nicht hier der Schlüssel zum „Geheimnis" der Standhaftigkeit des Judentums? Die Juden schliessen sich ungemein schnell einer höheren Kultur an, wenn nur deren Vertreter sie nicht ablehnen. Das Christentum hat sich, sowie es sich nur befestigt hatte, äußerst feindlich den Juden gegenüber verhalten, es ist deshalb nicht zu verwundern, daß die Juden sich in sich selbst verschlossen und ihre Entrüstung verbargen, und wo sie nur die Möglichkeit bekamen, rächten und rächen sie sich noch immer an ihren Verfolgern . . . Ich urteile nach mir selbst. Sie haben es richtig erkannt, daß ich ganz euer bin in Fleisch und Blut. Ich war es bereits vor meinem (der Heirat halber erfolgten) Uebertritt ins Christentum. Aber dies geschah eben deshalb, weil ich die 60 er Jahre erlebte, als die russische Jugend sich mit den Juden verbrüderte, als die russische Presse beharrlich für das

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