Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Briefe eines Verschollenen
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 247 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Briefe eines Verschollenen 247 Recht der Juden eintrat, als die russischen Lehranstalten sich den Juden liebevoll öffneten, als die russische Kultur-mit ihren mächtigen Wellen auch die jüdische Jugend ergriff. Aber es ist ganz zweifelhaft, ob ich „euer" in Fleisch und Blut gegenwärtig, zur Zeit der Judenverfolgung geworden wäre". Der russische Liberalismus der 60 er Jahre hatte seiner Zeit für Kowner das Judenproblem gelöst und in dieser Lösung fand seine Seele ihre innere Befriedigung, soweit er über sich selbst und über die Vergangenheit nachdachte. Für die Gegenwart und für die gesamte Masse seiner ehemaligen Volksgenossen hat "er kein Mittel vorzuschlagen: er ahnt, daß die Assimilation als politisches System gescheitert ist, aber es * geht ihn überhaupt nichts an, seine sozialen Triebe sind abgestumpft, der Nihilismus hat die motorischen Kräfte seiner Seele erschöpft. Als im Frühling 1903 der erste Pogrom in Kischinew mit barbarischer Kraft ausbrach, alle tierischen Instinkte des Menschen zu Tage förderte und das unbeholfene Judentum mit Schmerz und Schande bedeckte, da blutete auch die Seele des „ehemaligen Juden". Er ist aufgebracht, er schilt die Regierung, die Behörden und die Juden selbst. Im Augenblick des Zornes und der Aufregung entfremdet er sich denen, denen er „mit Fleisch und Blut" gehören will, und möchte seine ehemaligen Volksgenossen im Kampi der Selbstverteidigung gegen ihre Mörder auftreten sehen. Wie bekannt, hat der Pogrom in Kischinew, der schändlichste der modernen Judenpogrome, die Idee der nationalen Selbstverteidigung auf die Tagesordnung gesetzt und die Volksintelligenz dafür begeistert. Dieser Gedanke regte sich nun auch in der Brust des verschollenen jüdischen Intelektuellen. „Alle diese Gedanken — schreibt er in seinem Briefe an Rosanow in der Pogromwoche — bedrücken mich bis zur Pein, bis zur Schlaflosigkeit, und ich weiß nicht, wie sie los werden!" Schlaflosigkeit und Pein — aber keine seelische Aktualität, keine Wiedergeburt und keine Auferstehung, wie sie manche tiefere Natur im Westen Europas erlebt hat. Denn es gibt keine innere seelische Revolution, keine Selbsterlösung ohne tiefgreifenden Glauben, dieser aber war durch die skeptische Richtung Kowners bis zu seinen letzten Wurzeln vernichtet worden.