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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 4 · p. 245

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 4
Article
Briefe eines Verschollenen
Date
1921-01-01
Page
245 (sequence 5)
Language
German
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IRI
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Briefe eines Verschollenen 245 glaube daran nicht, weil ich überhaupt nichts glaube. Was denken aber Sie darüber?" (Zweiter Brief vom 26. August 1901) Wir haben den ausführlichen Auszug aus dem zweiten Brief Kowners mitgeteilt, um die Auflassungsweise und die inneren Widersprüche seiner Natur zu beleuchten. Wir sehen ihn hier in der Rolle eines Judenverteidigers vorder russischen Regierung und Gesellschaft, der sich als unbeteiligte Person empfiehlt, als einen Menschen, der sein eigenes Judentum ausgelebt und überwunden hat.. Er, der die Juden selbst nicht liebt, sucht andere für sie zu gewinnen, er, der an nichts glaubt, sucht die Gläubigen zu überzeugen. Die Sturm- und Drangperiode seiner Erlebnisse ist vorbei, das positive Erbe, das er vom Judentum übernommen hat, ist im Prozeß seines „realen Denkens", seiner selbstzerstörenden Kritik, aufgezehrt worden. Er erscheint uns am Abend seines Lebens zwischen Glauben und Unglauben, zwischen Judentum und Nichtjudentum. Im dritten Brief sehen wir ihn wieder von der Angst verfolgt, als organischer Teil des Judentums angesehen zu werden; er schreibt hier unter anderem: „Ich finde es nicht überflüssig hinzuzufügen, daß ich offiziell slavisch-katholischer Konfession bin. . Mit Freude bemerkt er dann im Anfang des folgenden Briefs vom 7. Oktober des gleichen Jahres: „. . . . Sie haben völlig zutreffend erfasst, daß ich ein wunderbar russifizierter Mensch bin . . Und im gleichen Brief wieder: „. . . Ich kehre zu Ihrem trefflichen Schluss zurück, daß ich „ganz euer (d.^h. Russe) in Fleisch und Blut" bin. Das ist wahr, aber damit hat meine slavisch-katholische Frau nichts zu tun . . . Ich bin erst 8 Jahre (in zweiter Ehe) verheiratet, und als meine gegenwärtige Frau noch Gymnasiastin und ich noch Jude war, d. h. die slavisch-katholische Konfession noch nicht angenommen hatte, liebte sie mich schon als einen vollständig russischen Menschen. . . Ich habe mich aus Notwendigkeit taufen lassen, erst 14 Tage vor der Hochzeit, aus blosser Notwendigkeit*)! Aber das ist schon aus einer ganz andern Oper, von der ich Ihnen einmal ausführlicher erzählen werde, da sie höchst interessant und erstaunlich ist. Und wie sollte ich in der Tat nicht ganz russifiziert sein, nachdem ich fast 40 Jahre (von 1862) unter kulturellen Juden und Russen lebe, in russischen Zeitschriften mitarbeite, in russischer Verbannung war und letztens in einer russischen Regierungsanstalt angestellt bin. Wenn ich mir in letzter Zeit die Beleidigungen, die die Juden erdulden, so zu Herzen nehme, so geschieht es allein deshalb, weil diese Beleidigungen und Verfolgungen alle Schranken überschreiten .und weil die überwiegende Anzahl der Juden, "gc^/o, fürchterlich leidet, ziellos, hilflos und vor allem schutzlos. Ich verteidige keineswegs das Judentum und die Juden*), sondern Menschen, Märtyrer, Unglückliche und vollkommen unschuldig Verfolgte. . *) Von mir gesperrt.

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