Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Briefe eines Verschollenen
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 244 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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244 S. Eisenstadt: angeführt wurden, die zu ihren Gunsten sprechen. Leider hat aber das Memorandum, wie es scheint, auf Murawiew keinen Einfluß ausgeübt, da die Judenverfolgungen mit jedem Tage heftiger werden. Aber ist es nicht Zeit Halt zu mächen? Sie schreiben im gleichen Briefe: „Politik und Soziologie gehen mich nichts an!" Aber ich glaube Ihnen nicht, und kann Ihnen nicht glauben. Wie ist es denn möglich, daß ein Mann, der über so viele soziale Fragen schreibt, kein Interesse für „Soziologie und Politik" hätte. Da ich nun glaube, daß die schreckliche Lage von 7 Millionen Menschen, die im verdammten „Ansiedlungsrayon" ersticken, Sie interessieren muß; da ich annehme, Sie können es nicht als Normalerscheinung betrachten, daß der verrückte Wannowski alle Lehranstalten für die Juden fast gänzlich geschlossen hat, daß Murawiew zur Advokatur selbst jene einzelnen Juden nicht zuläßt, denen es gelungen ist, die juristische Fakultät mit einem Diplom erster Kategorie zu absolvieren, daß von den 40000 Juden, die immer in der russischen Armee sich befinden, niemand es auch nur zum Unteroffizier bringen kann, daß selbst im Ansiedlungsrayon, wo die Juden die Mehrheit der städtischen Bevölkerung bilden, sie nicht das Recht haben, Christen in die Stadtverwaltungen zu wählen, daß selbst das Häuflein der Juden, die überall Wohnrecht haben, laut Verordnung des gleichen Wannowski (als ehemaligen Kriegsministers) kein Recht haben, in den russischen Mineralbädern sich zu kurieren usw. — so möchte ich, daß Sie mein „Memorandum" lesen, und darüber einige Worte sagen. Es ist mir das deshalb wünschenswert, weil man Sie liest und weil ernste Leute ihre Worte mit Aufmerksamkeit verfolgen. . . . Uebrigens, haben Sie nicht bemerkt, daß die besten russischen Persönlichkeiten (Pirogow, Dostojewski, Wladimir Solowjew) und die besseren Zeitschriften sich für die Gleichberechtigung der Juden aussprechen? Noch etwas. Es scheint mir, daß Sie ein Mann sind, der an die persönliche vernünftige Vorsehung glaubt. In einer Ihrer Abhandlungen im verflossenen „Russkoä obosrenie" haben Sie einen fast wilden Gedanken ausgesprochen: die Katastrophe auf dem Chodynkafeld am 18. Mai 1896 sei eine Vergeltung für den Mord (des Kaisers Alexanders II) vom März 1881 gewesen. Werden Sie auf diese Weise nicht den Gedanken zulassen, daß Jahwe das ganze russische Volk für sein barbarisches Verhalten zil den Juden strafe? Ich kann Ihnen auf Grund historischer Tatsachen beweisen, daß je mehr irgendwo die Judenverfolgungen zunehmen, desto unglücklicher die Völker sind, unter denen sie leben. In Rußland merken wir es an den Kaisern Nikolaus I, Alexander II und Alexander III, die auf eine sehr traurige Weise ihr Leben zu Ende führten. Sind nun die schrecklichen Leiden, die in der letzten Zeit > über Rußland gekommen sind (schlimme und häufige Mißernte, verwüstende Brände, mannigfache Epidemien und Krankheiten, die massenhafte Verelendung des Volkes), nicht eine Art ägyptischer Plagen Jahwes für die Judenverfolgungen, die alle Schranken überschreiten? Ich