Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Briefe eines Verschollenen
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 243 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Bride eines Verschollenen 343 nicht mehr von ihm als seine eigene Lebenstragödie empfunden. Es macht vielmehr den Eindruck, dass er sich als eine neutrale Persönlichkeit fühlt und über das Judentum objektiv sprechen zu können glaubt. Er betont durchaus, daß er nicht mehr Jude sei, daß er „mit Fleisch und Blut Russe sei" und will seinen Opponenten dadurch überzeugen, daß er bloss aus Beweggründen allgemein menschlicher Natur, die Verteidigung der Juden unternahm. In diesem Sinn mag Kowner als eine Parallelerscheinung zu Daniel Chwolson betrachtet werden, in allem übrigen sind sie von einander weit entfernt. Als erster Beweggrund zum Briefwechsel zwischen Kowner und Rosanow dient die von Rosanow in der Zeitschrift „Jstoritscheski Westnik" veröffentlichte Abhandlung über „Das jüdische Lied". Der erste Brief Kowners ist vom 20. Februar 1901, also etwa 8 Jahre vor seinem Tode und 8 Jahre nach seinem Abfall vom Judentum, datiert. „Als ehemaliger. Jude und jüdischer Schriftsteller, der die jüdischen Sitten und die jüdische Literatur gut kennt — attestiert Kowner sich selbst im Beginn des ersten Briefs — möchte ich Sie auf einige Ungenauigkeiten in Ihrer Abhandlung aufmerksam machen. . . Aber vor allem empfangen Sie meinen und wahrscheinlich auch mehrerer gebildeter und ungebildeter Juden*) herzlichen Dank für Ihre kostbaren Zeilen über „Schefoch chamatcha". Schon lange war nichts so Gerechtes und Zuverlässiges in der russischen Presse zu finden, ganz besonders aus dem Munde überzeugter Antisemiten, zu denen man auch Sie zählen muss". Auf die Anfrage Rosanofs, woher Kowner den Eindruck gewann, er sei Antisemit, antwortet er ihm in ausführlicher Weise, und da tritt noch klarer der innere Widerspruch seiner Seele hervor. „Woher ich erschloss, daß Sie Antisemit sind? «— schreibt Kowner in seinem zweiten Brief an Rosanof, — wahrscheinlich aus Ihren vielen Zeitungsartikeln, die ich mit grösster Aufmerksamkeit und Vergnügen*) gelesen habe. Ich kann mich ihrer jetzt nicht genau entsinnen. Und nicht allein sind Sie Antisemit, sondern auch ein Judenfeind, wiewohl ein aufrichtiger und überzeugter . . . aber ohne jeden Zweifel lieben Sie den Juden von Fleisch und Blut nicht. Ja ich gestehe, obgleich auch ich semitischer Herkunft*) bin, liebe auch ich sie nicht, .aber es plagt und quält mich ihre Armut, ihr Kampf ums Dasein, ihre unerträgliche Lage in Rußland. Und nun will ich mit Ihnen in dieser Angelegenheit sprechen, wie ich einmal schon darüber mit Dostojewski sprach, der meinem Brief an ihn über die Judenfrage mehr als die Hälfte seines „Tagebuchs eines Schriftstellers" vom März 1877 widmete. Die Sache ist folgende: Bereits Ende 1897 habe ich persönlich dem Justitzminister Murawiew ein Memorandum eingereicht, in dem die schreckliche Lage der Juden in Rußland geschildert und viele bedeutsame Tatsachen *) Von mir gesperrt