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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 4 · p. 242

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 4
Article
Briefe eines Verschollenen
Date
1921-01-01
Page
242 (sequence 2)
Language
German
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243 S. Eisenstadt: seinem Charakter und seiner Denkweise nach Realist. Schon in seinen hebräischen Schriften hält er an den Traditionen der realistischen Schule seiner Zeit fest, zählt sich zu den Nachfolgern Pissarews, bekämpft und verspottet jede Romantik und ist bestrebt alle Seelentriebe und Gedanken in ihrer natürlichen Blöße darzustellen. Könnte er uns doch von seinem Leben jenseits des Judentums mit dem gleichem Wirklichkeitsfanatismus berichten! Als der jüdische Literaturhistoriker Zinberg eine Monographie über die Persönlichkeit und die literarische Tätigkeit Kowners im Jahre 1911 schrieb*), verfügte er fast über keine Materialien aus der „christlichen" Periode Kowners, die Tatsache der Taufe, an und für sich weiß er nicht genau zu erklären und, wie wir später erfahren werden, beging er einen bedeutenden Fehler, indem er annahm, Kowner hätte den Schritt aus Eigennutz getan. In seiner Monographie weist Zinberg auf die Erinnerungen des Schriftstellers Abram Isaak Paperno hin, die seinerzeit veröffentlicht wurden. Paperno erzählt, daß er in der Taufperiode Kowners mit diesem in der Stadt Plock (Polen) zusammentraf. Das war die erste und fast die einzige Zusammenkunft Kowners mit einem der Vertreter der lebendigen hebräischen Literatur. Das ausführliche Gespräch deckte das Bild der vollständigen Einsamkeit Kowners auf und zeigte, daß er vom Schaffen desmodernen Judentums nichts wußte, die hebräische Sprache fast gänzlich verlernt hatte, daß aber die himmelschreienden Judenleiden seiner Zeit seine einsame Seele bedrückten. ~ Waren es Gewissensbisse oder ein seelischer Widerhall seiner Vergangenheit, das läßt sich nicht festellen; jedenfalls fand er es nötig, Paperno ein ausführliches Memorandum, daß er kurz nach der "Taufe dem Minister Murawiew hinsichtlich der Judenfrage überreicht hatte, vorzulesen und dabei weinte er. Den Inhalt dieses Memorandums und dei sonstigen Einzelheiten dieser Intervention erfahren wir nicht. IL Abram Uria Kowner fühlte aber in seiner Einsamkeit ein Bedürfnis nach einem Korrespondenten, dem gegenüber er seine Ansichten über das Judentum und andere Dinge aussprechen konnte. Und dieser Mann, dessen Verständnis für das jüdische Problem zumindest fraglich war, den er übrigens persönlich gar nicht kannte und ifur als Schriftsteller und gelehrten Religionsphilosophen schätzte, war kein anderer als der bekannte Wassili Rosanow, der zu den Mitarbeitern derantisemitischen Zeitung „Nowoje Wremja" gehörte.**) Von den ausführlichen Briefen Kowners an Rosanow fällt ein helles Licht auf die letzten Jahre (1901—1908) des ehemaligen hebräischen Schriftstellers und abgefallenen Juden. Das tragische Moment ist hier fast völlig abgestumpft, jedenfalls wird die Tragödie des Judentums, die er begreift, *) Historische Dreimonatsschrift in russ. Sprache „IlepeSKHTOe** B, IL **) Dieser ist im Jahre 1917 in Moskau verstorben und hat seine Briefe und sonstige Papiere der Rumjanzow-Staatsbibliothek vermacht, wo der Autor dieses Artikels auch den Briefwechsel mit Kowner aufgefunden hat.

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