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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 4 · p. 241

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 4
Article
Briefe eines Verschollenen
Date
1921-01-01
Page
241 (sequence 1)
Language
German
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IRI
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S, Eisenstadt: Briefe eines Verschollenen 241 b r a m U r i a (oder wie er sich russisch nannte, Arkadi Grigoriewitsch) Jljl Kowner, der glänzende hebräische Publizist der 60er Jahre, einer der wenigen wirklichen Denker seiner Zeit, hat sich im Jahre 1893 plötzlich zum Christentum bekehrt und wenigstens äußerlich und offiziell die Bande mit dem Judentum zerrissen. Das Judentum wandte sich von ihm ab, die nationale Intelligenz und besonders die Schriftstellerkreise verdammten den unsinnigen Schritt Kowners aufs heftigste. Sein Name sollte fortan aus den Annalen der hebräischen Literatur verschwinden. Die Orthodoxie und die Gegner der modernen literarischen Richtung fanden Gelegenheit, diese anzugreifen und an Hand des Beispiels darzulegen, wohin der neu eingeschlagene Weg führe. Der Schritt, den Kowner gemacht hatte, wurde als unausbleibliches Ergebnis des ganzen Bildungssystems und der ganzen modernen Denkweise erklärt und der neuen jüdischen Intelligenz in einer Art memento mori die Taufe in Aussicht gestellt. Was aber in der Seele Kowners sich abspielte, nachdem er den Übertritt vollzogen hatte, konnte niemand berichten. Er nahm seinen Wohnsitz in der Provinzstadt Lomza, zog sich vom öffentlichen Leben zurück und bekleidete ein bescheidenes Ami in'der Kontrollkanzlei, das ihm früher als einem Juden unzugänglich gewesen war. Um sein Leben und um seine Ansichten kümmerte sich nun niemand mehr von seinen ehemaligen Religionsgenossen, und so brachte er den Abend seines Lebens einsam und für das Judentum verschollen zu, bis Anfang 1909 die antisemitische „Nowoje Wremja" die kurze Nachricht brachte, der „ehemalige Jude und ehemalige hebräische Publizist" Kowner sei tot. Bei dieser Gelegenheit tauchte sein längst vergessener Name wieder in der jüdischen Presse auf, die sich der Zeit erinnerte, als er noch die scharfe Feder in hebräischer Sprache führte. Kowners Seelenleben und seine Erlebnisse erweckten aber kein Interesse, auch wußte niemand etwas davon zu erzählen. Und doch liegt hier ein psychologisches Problem vor, das Beachtung verdient. Ein hebräischer Schriftsteller, der Sohn einer armen religionstreuen Familie aus dem Volke, der im reifen Alter sich zum Christentum bekehrt, — das war und ist eine seltsame Erscheinung, sowohl vom psychologischen als vom sozialen Gesichtspunkt aus. Abraham Uria Kowner wäre für uns ein wichtiges Forschungsobjekt, vor allem, weil er nicht ein gewöhnlicher Durchschnittsmensch und Durchschnittsjude war, sondern wenigstens in seiner Zeit und in seinem Kreise eine besondere Stellung einnahm und als fortschrittlicher Denker und Schriftsteller von Rang galt. Dazu aber war er

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