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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 4 · p. 239

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 4
Article
Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
Date
1921-01-01
Page
239 (sequence 10)
Language
German
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Aus dem religiösen Leben der Ostjuden 239 beliebigen Zeitabschnitten: Wochen, Monaten oder gar Jahren für den geachteten und geliebten Kranken. Die Spender erklären sich nun freiwillig und freudig bereit, auf Abschnitte ihres eigenen Erdenseins, je nach der Hochherzigkeit des Einzelnen, zugunsten des Kranken zu verzichten. Das Ausmass der Spenden d. h. die einzelnen Teile, die jeder von seinem Leben schenkt, wird von den Einsammelnden in eine Liste, die sie mit sich führen, genau eingetragen. Es gibt wohl kaum jemanden, der nicht in solchem Falle gerne und freudig einen mehr oder weniger ansehnlichen Abschnitt seines Lebens opfert.*) In der Regel bekommt dann der Kranke zusammen so viel Jahre geschenkt, daß er sie kaum nach den Naturgesetzen zu Ende leben könnte. Dieser eigenartige, allerdings nur in manchen Gegenden des Ostens bekannte Brauch dürfte, wie ich vermute, auf folgende im Midrasch erzählte Legende zurückzuführen sein: Gott habe Adam sämtliche kommenden Generationen und berühmten Männer gezeigt; da sah Adam, daß David bloß drei Lebensstunden bestimmt seien und seine große Seele, kaum in diese Welt gekommen, schon in den Himmel zurückkehren müsse. „Gibt es denn *) Eine in manchen Gegenden des Ostens bekannte Legende erzählt von einem jungen Mädchen, das, als Jahre für einen schon dem Tode verfallenen allgemein geachteten und verehrten greisen Rabbiner gesammelt wurden, in seinem Übereifer auf sein ganzes Leben zugunsten des Rabbis verzichtete. Das Mädchen mußte bald aus dem Leben scheiden, da es keine Jahre mehr hatte, nachdem sie ihre ganze Lebensdauer dem Rabbi geschenkt hatte. Der Rabbi genas und lebte noch sehr lange, alle Jahre nämlich, die er von dem verstorbenen Mädchen geschenkt bekommen hatte. Er war jedoch seines langen Lebens nicht froh. Der Schatten der Verstorbeneri wollte von ihm nicht weichen und begleitete ihn ohne Unterlaß. Er sah die kindliche Tote wachsen und groß werden und hörte ihr Weinen bei allen freudigen Anlässen, die ihr während des Erdendaseins beschieden gewesen wären und deren sie durch den frühen Tod nicht mehr hatte teilhaftig werden können. In mondhellen Nächten sah er die Braut im Totengewand ihren Hochzeitstanz aufführen, er sah dann die glückliche Mutter den Säugling in den Schlaf wiegen, ihren Sohn zum erstenmal in den Cheder führen, und ihre Tochter zur Chuppa begleiten. Zum Ueberdruß ward ihm das Leben, das nicht sein war und das er einem andern, wenn auch ohne sein Wissen und Zutun, genommen hatte. Er wünschte sich den Tod herbei, der aber wollte nicht kommen. Als er in einer schlaflosen Nacht Weinen und Totenklage, als ob man jemanden zu Grabe führte, hörte, wußte er, daß das Leben, welches das verstorbene Mädchen ihm geschenkt hatte, nun zu Ende und daß er vom Leben endlich erlöst sei. In derselben Nacht verschied er. Diese Legende vom Mädchen, das alle seine Jahre dem kranken Rabbi geschenkt, hat S. Frug (hebräisch von Jakob Kaplan) in seinem herrlichen Gedicht: „Die Tochter des Schamas* (Synagogendiener) bearbeitet In Litauen wird zum Thema: „Jahresschenken" folgende lustige Legende vom weitbekannten Spaßmacher Mordke Chabad (lebte in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts) erzählt: Als ein durch seine Gelehrsamkeit berühmter Rabbiner schwerkrank darniederlag und für ihn unter den Gemeindemitgliedern Jahre gesammelt wurden, meldete sich Mordke freiwillig und spendete großmütig dreißig Jahre. Über diese ungewöhnliche Hochherzigkeit nicht wenig erstaunt, fragten die Einsammler Mordke, wie er denn dazu komme, auf ganze dreißig Jahre zu verzichten, da doch kein Mensch so viel von seinem Leben hergebe. „Ihr braucht deswegen um mich nicht besorgt zu sein**, erwiderte Mordke, „von meinem eigenen Leben habenden nichts gegeben, die dreißig Jahre, die ich dem Rabbi geschenkt habe, sind die meiner Frau**. Mordke nämlich lebte mit seiner Ehehälfte nicht sehr glücklich.

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