Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 240 (sequence 11)
- Language
- German
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240 Samuel Rappaport: Aus dem religiösen Leben der Ostjuden kein Mittel, daß er länger lebe?", fragte Adam. „Es ist dies mein Wille!", lautete *die Antwort Gottes. Auf die Frage Adams, wieviel Jahre denn Gott ihm selber, d. h. Adam, bestimmt habe, erfuhr er, daß er eine Lebensdauer von tausend Jahren zugeteilt bekommen habe. „Gibt es auch Geschenke im Himmel?", fragte nun wieder Adam. „Gewiß!" erwiederte Gott. „Nun", sagte Adam, „so will ich diesem da — d. h. David — siebzig Jahre von meiner Lebensdauer schenken". Adam verfaßte hierauf eine Schenkungsurkunde, in welcher er von seiner Lebensdauer siebzig Jahre David überließ. Die Urkunde wurde von Gott, Metatron*) und Adam gemeinsam als gültig gefertigt. Nach dem endgültigen Abschluß dieser Vereinbarung rief Adam beim Anblick Davids: „Herr! O welche Pracht und Sangeskunst! D!e siebzig Jahre habe ich ihm geschenkt, daß er Deine Herrlichkeit besinge" (Jalkut Schimoni, Bereschit 41). Die Kabbala hat auch ihrerseits diese Legende in den Kreis ihrer Betrachtungen gezogen. Sie hat das Problem des Verzichtens auf Abschnitte des eigenen Lebens durch Opferfreudige zugunsten hervorragender Menschen, die große Aufgaben zum Nutzen der Allgemeinheit auf dieser Welt zu erfüllen hätten, denen aber eine allzu kurze oder überhaupt keine Lebensdauer auf der Erde beschieden ist, in der ihr eigenen Art verarbeitet. So soll z. B. auch Moses ohne Lebensdauer gewesen sein und seine Seele wäre ganz tatenlos und ohne jeden Nutzen im Urquell aller Seelen, im Himmel geblieben, ohne je in materielle Hülle zu treten; da sollen, um diesem vorzubeugen, Adam siebzig und Noah fünfzig Jahre von ihrem Leben seiner Seele geschenkt haben, damit sie in das irdische Dasein trete und in der Lebensdauer von einhundertundzwänzig Jahren (Deuteronomium 34, 7) ihre unsterbliche Mission erfülle (Galia Rasia [Manuskript] zitiert im Jalkut chadasch, s. v. Adam). *) Metatron ist eine Engelsfigur aus der ältesten jüdischen Mystik und xist sonst bei anderen Völkern unbekannt, ebenso unbekannt ist die Herkunft des Namens. Manche wollen ihn ableiten vom griech. furd ftpovov, d h. hinter dem Throne (Gottes), andere dagegen vom lat. metator, d. h. Bote, Gesandte (Gottes) usw., doch ist die Etymologie des Namens bis heute nicht sichergestellt (Siehe Levy: Neuhebräisches und chaldäisches Wörterbuch Bd. .III, Seite 86, 87. Kohut: Aruch Completum Bd. 5, Seite 119 wie auch Dr. Michael Sachs: Beiträge zur Sprach- und Altertumsforschung Heft I, Seite 108,. Fußnote). Kohut (ebenda) meint, Metatron sei seinem Namen und Wesen nach persischen Ursprungs (Mitra); doch ist dies bloß eine Hypothese, die wissenschaftlich nicht genügend begründet erscheint. Metatron ist der Fürst unter den Engeln. Wir finden ihn im ganzen jüdischen Schrifttum seit dem talmudischen Zeitalter bis auf die letzten kabbalistisch-mystischen Schriften unserer Tage. Er weilt stets in der Nähe Gottes und wird auch Ssar ha Panim, d. h. der vor dem Gesichte Gottes weilende Fürst genannt. Er ist gleichzeitig Schutzengel und Sachwalter des jüdischen Volkes, dessen gute Werke er sorgfältig verzeichnet (Tr. Chaglga 15 A). Als Bote Gottes vollführt er in dessen Namen die ihm erteilten Aufträge (Sifre Haasinu 338 usw.) In alter Zeit scheinen Sektierer Metatron göttliche Qualitäten zugeschrieben zu haben, wogegen der Talmud energisch Stellung nimmt und ihm bloß die Mission eines seinem Gott nahestehenden Engels und Boten zuerkennt (Tr. Synhedrin 38 B). In der alexandrinischen Philosophie wird Metatron zur Personifikation des Logos. Eine ganz besondere Bedeutung hat er in der Kabbala,