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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 4 · p. 238

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 4
Article
Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
Date
1921-01-01
Page
238 (sequence 9)
Language
German
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238 Samuel Rappaport: handelt, mitunter auf ausgedehnte Gegenden* Die Kunde von einer schweren Erkrankung des Zaddiks wird sehr oft auch auf telegraphischem Wege in alle Städte, wo seine Chassidim ihren eigenen Sammelpunkt, d. h. ihre eigenen Bethäuser, die sog. „Klausen" und „Stüblech", besitzen, bekanntgegeben, woraul sich die Chassidim in ihren Bethäusern zum gemeinsamen Thillimsagen und Beten für die Genesung ihres Führers versammeln. Nach dem Beten trinkt man, wie es unter Chassidim üblich ist, „Tikkun" auf das Wohl und vollständige Genesung — „Lechaim ulrefuah schelemah!" — des Zaddiks sich gegenseitig zu. Kommt jedoch die Nachricht, dass der Zustand des Zaddiks sehr ernst geworden und die Krankheit in ein schweres Stadium getreten sei, dann wird ein allgemeines Fasten unter Weinen und Beten sowie Gräberbesuch*) angeordnet, an welchen in erster Linie die Chassidim des Zaddiks teilnehmen. Die Krankheit des Zaddiks versetzt alle seine Chassidim in tiefe Kümmernis. Insofern es nur möglich ist, wird jede freudige Veranstaltung gemieden. Bei jeder Gelegenheit wird gewünscht, dem Zaddik möge bald vom Himmel eine „Refuah schelemah" geschickt werden. Solang keine Nachricht von einer eingetretenen Besserung angelangt ist, wird ununterbrochen in jedem von den betreffenden Chassidim besuchten Bet-ha-Midrasch und Klaus bezw. Stübl inbrünstig gebetet und Thillim gesagt. Damit auch während der Nacht für die Genesung des Zaddiks gebetet und Thillim gesagt wird, teilen sich die Betgemeinden in Gruppen, die sich nach je einigen Stunden gegenseitig ablösen. Es ist ein Moment unsagbarer Freude, wenn mitunter mitten in einem solchen Beten und Fasten die Nachricht kommt, daß die Fastenden schon „unbassen" (anbeissen, ein im Osten gebrauchter Ausdruck für Nahrungsaufnahme nach einem Fasten) d. h. schon Speise und Trank zu sich nehmen können, da Krise und Gefahr vorüber seien und es dem Zaddik besser gehe. Unter hellem Jubel wird, nachdem auf das Wohl und die Gesundheit des Zaddiks ein reicher „Tikkun" herbeigeschafft und getrunken worden ist, die frohe Botschaft überall hinausgetragen. Nach völliger Genesung des Zaddiks versammeln sich bei ihm die angesehenen und vornehmen Chassidim, um bei dem von ihm, anlässlich der Wiedererlangung seiner Gesundheit veranstalteten feierlichen Dankesmahl, der sog. „Seudat hodaah" teilzunehmen und sich mitzufreuen. Die Seudat hodaah wird gewöhnlich an einem Sabbatausgange mit der sog. „Melaweh malkah", das ist mit dem Geleitmahle der Königin Sabbat verbunden, bei dem es bei Gesang und Tanz bis spät in die Nacht sehr lustig zugeht. In manchen Gegenden des Ostens ist es Brauch, bei schwerer Erkrankung eines geschätzten Rabbiners oder sonst einer in hoher Achtung und Verehrung stehenden Persönlichkeit unter den Gemeindemitgliedern Jahre für den Kranken zu sammeln. Zwei Vorsteher oder andere geachtete Persönlichkeiten gehen unter die Mitglieder der Gemeinde und bitten um Spenden von *) Darüber weiter unten,

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