Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 235 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus dem religiösen Leben der Ostjuden 235 Mitglieder an deren Todestag „für ewige Zeiten« Kaddisch zu sagen und Michnajot zu lernen, lassen dies oft auch, neben speziell hierzu delegierten Mitgliedern, durch die Batlanim besorgen, um bei diesem Anlasse gleichzeitig für das Seelenheil der Verstorbenen diesen würdigen Armen Geldbeträge zukommen zu lassen. Die gewöhnlichen nicht offiziell bestellten Batlanim, die man in größeren ostjüdischen Gemeinden findet, sind an gar keine Pflichten gebunden, sie verfügen über die Zeit frei und ungebunden und verbringen sie dort, wo das Batlangeschäft es erheischt und wohin sie gerufen werden. Die trüben ökonomischen Verhältnisse der Juden im Osten gewähren dem Bestehen und oft auch der Zunahme des Batlantums einen leider allzu günstigen Boden. Während die offiziellen zehn Batlanim, ihrer Bestimmung gemäß, den ganzen Tag über sich ausschließlich im Bet-ha-Midrasch bei Thorastudium und Beten aufhalten, sind die freien Batlanim an das Bet-ha-Midrasch gar nicht gebunden. Sie betreiben ihr „Gewerbe" nur dort, wo ihr Geschäft es verlangt bezw. dort wo ihnen ein Verdienst winkt. Die offiziellen Batlanim sind immer, wie ihr Beruf es verlangt, talmudisch gebildet, während bei den freien Batlanim diese Voraussetzung nicht immer zutrifft und gar nicht erforderlich ist. Vom freien Batlan wird erwartet, daß er fromm und gottesfürchtig ist, für die verschiedenen Fälle und Gelegenheiten, zu denen er gerufen wird, die entsprechenden Spezialgebete, Riten und Vorschriften kennt sowie Mischnajot für das Seelenheil Verstorbener zu lernen versteht. Es muß bemerkt werden, daß die offiziellen Batlanim als gelehrte Männer, die ihr Leben Gott und dem Thorastudium widmen, in allgemeiner besonderer Achtung als talmudkundige fromme Männer stehen. Zum Unterschied von den freien Batlanim führen sie nicht den Titel Batlanim, trotzdem sie es im altüberlieferten Sinne wirklich sind, sondern bezeichnen sich zumeist, oft nach dem Vereine der für ihre Erhaltung sorgt, als „Lomde Thora", „Dorsche Thora" (Thoralernende, Thoraforschende) „Ansehe Maamad" und dgl. Die freien Batlanim oder schlechtwegs „Batlanim", wie sie allgemein bezeichnet werden, werden immer an das Lager von schon mit dem Tode ringenden Kranken gerufen, damit der Sterbende umgeben von sehr frommen Männer in die Ewigkeit einziehe. Sie sind durch öftere Uebung und Erfahrung, mit allen für einen solchen Moment nötigen .Gebeten und Riten, die nicht einmal jedem talmudisch Gebildeten geläufig sind, vertraut; sie hüten die Leiche, beten bezw. lernen Mischnajot in deren Hause; sie sind, neben der Chebra Kadischah, bei ihr bis zur Bestattung beschäftigt. Während der ersten sieben Tage bilden sie im Trauerhause den Grundstock der wenigstens aus zehn Personen bestehenden Betgemeinde (Minjan). Die Sterbetage bemittelter Verstorbener sind bei ihnen in einer besonderen sog. „Jahrzeitliste" verzeichnet, an welchen Tagen sie sich bei deren Familien bezw. Nachkommen im Hause oder am Friedhofe einfinden um für das Seelenheil des Verstor- . 16*