Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die privatwirtschaftliche Kolonisation in Palästina
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 227 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3101111-3101175-3101180-3106653--5017-3106697- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die privatwirtschaftiiche Kolonisation in Palästina 227 versteht. Es ist aber eine falsche und deshalb gefährliche Hoffnung. Erstens wurden die jüdischen Plantagekolonien so eng gepflanzt, daß man in ihnen keine großen technischen Aenderungen einführen kann, außer wenn man die Bäume ausreissen und die Wirtschaft zerstören will. Zweitens dan man durchaus. nicht auf der alten Legende von der organischen Rückständigkeit der arabischen Arbeiter bauen. Noch vor einigen Jahren war es in den Kolonien ein Axiom, daß das Abschneiden von Weinstöcken oder das Impfen von neuen Pflanzungen eine so vorsichtige, zarte und heikle Arbeit sei, daß sie eine besondere Intelligenz und Ueberlegung fordere, weshalb sie auch immer ein jüdisches Privileg gewesen ist. Heute wird diese Arbeit ganz von arabischen Händen gemacht und es gibt-schon arabische Sachverständige, denen der jüdische Kolonist nicht weniger vertraut als einst den jüdischen. Die jüdische Kolonie hat grosse Verdienste nicht " nur als Arbeitsplatz für eingewanderte Araber, sondern auch als Lehrfarm für die benachbarten Araber. Und gerade so wie der Araber aus den umgebenden Dörfern die jüdischen Pflanzungskulturen, den jüdischen Pflug und den jüdischen Spaten und Wagen eingeführt hat, so hat er auch die kompliziertesten und feinsten Arbeiten gelernt und wird auch mit einer Maschine umzugehen lernen. Die höchste landwirtschaftliche Technik in Erez Israel wird in der deutschen Kolonie Bethlehem angewendet und dort arbeiten ausschließlich arabische Arbeiter; die ersten drei Traktoren wurden durch einen arabischen Grundbesitzer eingeführt, bei welchem einige gelernte englische und viele ungelernte arabische Arbeiter beschäftigt sind. Als ein neues Heilmittel wird jetzt die Achusah-Idee proklamiert, für welche die Autoritäten der Erez Israel-Kolonisation eintreten. Danach vereinigt sich im Ausland eine Gruppe von städtischen vermögenden Juden, die in Erez Israel Boden kauft. Die Mitglieder kommen der Reihe nach nach Erez Israel, erst dann aber, wenn die Wirtschaft genügend Einkommen zu geben anfängt. Laut dem Projekt von Dr. Arthur Ruppin darf jedes Mitglied 100—200 Dunam besitzen und bei sich 1—3 gedungene Arbeiter beschäftigen. Die zionistische Agrarbank dan ihnen den dazu nötigen Kredit gewähren. Um sicher zu sein, daß sie die nationalen Interessen höher als ihre privaten setzen werden, muß die zionistische Landesorganisation dafür sorgen, daß die Vereine sich aus den passenden Gesinnungsgenossen zusammensetzen sollen; die Mitglieder selbst müssen sich schriftlich dazu verpflichten, jüdische Arbeiter zu beschäftigen, und die Bank sowie andere zionistische Institute, soweit sie Darlehen und Unterstützungen gewähren, müssen dieser Forderung Rechnung tragen. Auf solche Weise werde das private Kapital in Erez Israel zugezogen werden und die jüdischen Einwanderer würden bei ihm Arbeit finden können. Die objektive Logik der privatwirtschaftlichen Kolonisation in den Verhältnissen von Erez Israel und die bisherige Erfahrung, die mit Achusoth und Farmen schon gemacht worden ist, zeigt, daß im Grunde gar kein Unterschied zwischen der geplanten Achusah und der bisherigen Kolonie besteht und daß