Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die privatwirtschaftliche Kolonisation in Palästina
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 226 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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226 Salman Rubaschow: ihre Achtung vor der Privatwirtschaft und Privatinitiative hat sie aber immer gezwungen, die Ursache nicht dort, wo sie sich wirklich findet, zu suchen, u$d sie haben damit, gegen ihren Willen, dazu verholfen, die Wahrheit über Erez Israel noch tiefer zu verbergen. Sogar ein so scharfer und objektiver Beobachter wie Achad Haam, welcher viele Übelstände des neuen Jischuw erkannt hat, auch er hat geglaubt, dass das ganze Unglück in der Administration von Rothschild und der ICA stecke, welche den Privatunternehmungsgeist der Kolonisten sich nicht entwickeln lasse. Dieses Unglück ist nun fast vollständig beseitigt, die Bevormundung im früheren Maßstab hat aufgehört zu existieren und trotzdem ist es nicht besser geworden; das freie Chederah, welches von Anfang an auf der Basis der freien Initiative aufgebaut ist, ist um kein Haar besser als das baronische Sichron und die Kolonien der ICA in Galiläa. Die Kolonisten selbst, die sich gern über ihre Lage beklagen, pflegen immer ihre Forderungen mit der Bitte zu schliessen, ihnen neuen Boden zu kaufen; dadurch — behaupten sie — daß ihr Einkommen größer wird, werde es möglich sein, sich nicht mehr auf billige Arbeit zu werfen. Das pflegte auch der Rat von Agronomen und Kolonisationsgesellschaften zu sein. Tatsächlich aber macht jede Vergrößerung des Bodens die Situation noch schlimmer. Als 1900 die Lage der Kolonisten von Sichron infolge der Weintraubenkrankheit eine schlechte war, hat die ICA in der Nachbarschaft neuen Boden hinzugekauft und jedem Kolonisten 110—150 Dunam neuen Bodens zugeteilt. Die Folge davon war, daß der Kolonist noch weniger imstande war, seine großen, komplizierten und verwahrlosten Güter richtig zu bearbeiten, die arabische Arbeiterbevölkerung ist noch größer geworden, die Wirtschaft noch extensiver, die Unordnung noch verwirrter, die Pflege noch ärmer und die Pflanzungskrankheiten noch häufiger. In Jabneel besitzt jetzt jeder Kolonist ungefähr 300—500 Dunam, d. h. fast die Hälfte davon, was die landwirtschaftliche Kwuzah in Karkur besitzt, die 20 jüdische Arbeiter beschäftigt, und mehr als die Plantage-Kwuzah in Gan-Schemuel besitzt, wo sich 31 jüdische Seelen ernähren — und die Wirtschaft ist extensiv und schablonenhaft, die Bearbeitungsmethoden sind primitiv, die Zahl der arabischen Arbeiter ist 17mal größer als die Zahl der jüdischen Arbeiterund trotz allem Glück der Kriegsjahre ist die Mehrzahl der Kolonisten verschuldet; als die ICA das Darlehennehmen bei der Bank verboten hat, hat man hinter dem Rücken Darlehen bei privaten Wucherern genommen und dabei 20 bis 30 Prozent gezahlt. Jetzt suchen sich einige Theoretiker der privatwirtschaftlichen Kolonisation mit der Hoffnung zu trösten, daß das Heil von einer größeren Entwicklung der Technik kommen werde. Die Maschinen, die man einführen wird, sagen sie, fordern eine gewisse Intelligenz und der gebildete jüdische Arbeiter aus Europa wird deshalb eine leichte Konkurrenz haben gegenüber dem billigen aber primitiven Araber, der mit der Maschine nicht umzugehen