Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die privatwirtschaftliche Kolonisation in Palästina
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 223 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Die privatwirtschaftliche Kolonisation in Palästina 223 Ende davon ist, daß dieselben Jemeniten, die vor kaum 10 Jahren mit solcher messianischen Begeisterung nach E^z Israel gekommen sind, jetzt mit Zorn und Haß vergiftet sind und ihren wartenden Brüdern in Jemen schreiben, sie sollten sich nicht dazu bewegen lassen, ins Land zukommen; auf ihren schmachtenden Lippen schwebt ein Fluch gegen das Land, gegen seine Kolonien, gegen seine Versorger und Beglücker, So hat das geplante Kulturzentrum — weil es auf Ausbeutung und billiger Arbeit aufgebaut ist — den ersten Schritt des „Kibuz Golijoth« verwirklicht! Man erinnere sich noch, welche Ziele das jüdische Volk und die ersten Kolonisten selbst der Kolonisation stellten; man erinnere sich, daß man von einer Einwanderungstätte für die jüdischen arbeitenden und überall weggestossehen Massen gesprochen hat; daß das Ziel war, die Judenfrage zu lösen und ein Heim zu schaffen — erst dann wird es ganz klar, wie sehr das ganze System bankrott ist und daß es entweder zu gar keinem oder zum umgekehrten Ziele führt. Bei 5—6 hundert jüdischen Familien in Petach Tikwah arbeitet eine arabische Bevölkerung von 3000 Seelen und von der Befriedigung ihrer elementarsten Bedürfnisse ernähren sich die umgebenden Dörfer. Keine einzige jüdische Kolonie ist zu einem Kernpunkt der neuen jüdischen Einwanderung geworden und selbst in ihrem jetzigen Zustande sind sie nicht imstande, ohne die Hilfe des jüdischen nationalen oder philanthropischen Kapitals weiterzu- ' leben. Das Hauptunglück der jüdischen Diasporawirtschaft, die ständige Abhängigkeit von der fremden Bevölkerung, die alles Nötige für die Bedürfnisse der Juden produziert — dieses Galuth-Unglück breitet sich in seiner ganzen Fülle in den Kolonien von Erez Israel aus. Die elementarsten Bedürfnisse der jüdischen Bevölkerung werden von den nichtjüdischen Nachbarn und Zugewanderten befriedigt. Der Markt in Petach Tikwah hat dasselbe Aussehen und denselben wirtschaftlichen Charakter wie der Markt in einer Kleinstadt von Polen und Litauen. Geflügel, Vieh, Grünzeug, Milch, Käse, Butter, Eier, Weizen, Kohl, Zement, Baumaterialien, Heu, Streu, Mist, Honig, Wachs, alles, alles führt der Araber in die jüdische Kolonie aus den entfernten Dörfern ein. Der Kolonierat in Petach Tikwah hat aus dem Markt eine besondere Einnahmequelle gemacht: jeder Araber, der seine Ware auf den Markt bringt^ zahlt eine bestimmte minimale Steuer von einem Grusch zu Gunsten des Kolonierates für das Recht, seine Ware zu verkaufen; daraus setzt sich eine Summe von einem Pfund Sterling pro Tag zusammen. Die Rechner erzählen, daß am Vorabend des vorjährigen Jörn Kippur die jüdische Bevölkerung von Petach Tikwah den arabischen Fellachen für Sühnopferhühner allein 400 Pf. St. bezahlt hat. Chederah, das aus 55 jüdischen Familien besteht, besitzt genau dieselbe Zahl von arabischen Familien, die beständig in Kolonistenhöfen wohnen— alles neueingewanderte Fellachen, die früher nie in der Kolonie gewohnt haben, weil der Boden sumpfig und unhygienisch gewesen ist; sie sind nach "