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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 4 · p. 220

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 4
Article
Die privatwirtschaftliche Kolonisation in Palästina
Date
1921-01-01
Page
220 (sequence 9)
Language
German
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220 Salm an feubaschöw: der Erziehungsarbeit in den Kolonien hingegeben haben, beklagen sich bitter über die Kluft zwischen ihnen und den Kindern, über die vergeblichen Anstrengungen, die sie gemacht haben, über die Leere und Gleichgültigkeit von vielen derjenigen, die in ihrer Jugend große Hoffnungen erweckt hatten. Es vergehen 2—3 Jahre nach der Absolvierung der Schule und der Lehrer erkennt seine Schüler nicht mehr. Es ist selbstverständlich keine Rede von altjüdischer Wissenschaft oder von moderner europäischer Literatur in europäischen Sprachen; aber sogar die neue hebräische Literatur, auf welcher doch die ganze Schulerziehung aufgebaut ist, ist in jeder jüdischen Kleinstadt mehr zu Hause als in der privatwirtschaftlichen Kolonie von Erez Israel. In Rischon le Zion z. B. liegt die Bibliothek in einem verborgenen Gemeindezimmer versteckt und nur die Auserwählten kennen ihre Existenz. Seitdem hier keine Arbeiter sind, gibt es auch keine Leser. In Chederah z. B., das eine Bevölkerung von 222 Seelen hat, hat die Bibliothek 10 Leser. In einer ganzen Reihe von Kolonien gibt es überhaupt keine Bibliotheken; die einzigen Leser sind dort die Kinder. Nur selten bestellt sich ein Kolonist, meistenteils ein gewesener Arbeiter, aus Jugendpietät eine hebräische Monatsschrift. Ob wohl die Mehrheit der Koloniebevölkerung bis heute jiddisch spricht, weiß man dort nichts von der ganzen jiddischen Kulturbewegung der letzten Jahre. Ein neues jiddisches Buch bekommt man in den hebräisch sprechenden Arbeiterkwuzoth, in den jiddisch sprechenden Kolonien existieren sie nicht. Wie weit die heutige privatwirtschaftliche Kolonie — eben weil sie eine privatwirtschaftliche ist — von der Ausbildung des „Musterjuden fürs Galuth" entfernt und in welchem Maße sie das Gegenteil des „Kulturzentrums für die gesamte Peripherie" ist, beweist die Katastrophe mit der Jemeniteneinwanderung. Ein jüdischer Stamm, der im Lauf von einigen Jahrhunderten von der Mehrheit des jüdischen Volkes losgelöst worden ist und mit einer ängstlichen Hartnäckigkeit eine autonome Existenz unter den schwersten Erniedrigungen und den schwersten Opfern bewahrt hat, fing an unter dem Einfluß der neuen Erez Israel-Arbeit „aus dem Galuth wegzuziehen". Von der uralten eingewurzelten Liebe zu Erez Israel getragen, vom Erlösungstraum beherrscht, an physische Arbeit von Kindheit gewöhnt, mit jüdischer Intelligenz, Temperament und geistiger Rührigkeit bewaffnet, von Elend und Verfolgungen getrieben, haben sich vor zehn Jahren _einige hundert Jemeniten mit ihren Frauen und Kindern, von einem Arbeiter von Erez Israel geführt hinbegeben, um sich hier an den neuen Jischuw anzuschliessen und zusammen mit den aschkenasischen Brüdern das Joch zu tragen, zu arbeiten, zu leiden und zu bauen. Wann hat es bei uns, in dem Vereinigungsprozeß der jüdischen Zerstreuung, echtere und tiefere Erlösungszeichen gegeben? Wann hat der neue jüdische Jischuw eine bessere Gelegenheit gehabt, seine national-schöpferischen Tendenzen zum Vorschein zu bringen? Und wo noch gibt es so dankbare Elemente für den wahren Aufbau des arbeitenden Erez Israel?

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