Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1921-01-01 · Heft 4 · p. 219

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 4
Article
Die privatwirtschaftliche Kolonisation in Palästina
Date
1921-01-01
Page
219 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3101111-3101175-3101180-3106653--5009-3106689
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Die privatwirtschaftliche Kolonisation in Palästina 219 der Kolonie für 3029743 Fr. Schaden verursacht. Die Schulden und Schwierigkeiten, die nicht vom Kriege stammen, sind anscheinend auch nicht kleiner als die Kriegsschäden. Laut der offiziellen Rechnung von dem Kolonierat erreichen die Schulden der Kolonie den Betrag von 5719229 Fr.; von diesen schuldet sie 2247684 Fr. privaten Kreditoren, denen sie dafür 8—12% zahlen muß. Um die Krisis zu überwinden, verlangt letzt der Kölonierat von der zionistischen Oeffentlichkeit, sie solle eine Geldquelle ausfindig machen, die der Kolonie eine Anleihe von 6207488 Fr. vorschießen soll. Kein Wunder also, wenn das junge Kolonistengeschlecht sich mit dem Boden, den es mit seinem Schweisse nicht bearbeitet hat und auf dem es nie imstande gewesen ist, seine Familie ehrenhaft zu ernähren, nicht verwachsen fühlt. Vor dem Kriege bestanden ganze Kolonien aus älteren Leuten, Frauen und kleinen Kindern, weil die Jugend in Übersee zerstreut war, wohin sie — gemäß der alten Tradition des Galuth-Judentums — das Glück zu suchen gefahren war. Der Krieg hat diese Auswanderung gestört. In Sichron, in Petach Tikwah, in Rischon le Zion findet man heute viel mehr junge Leute als vor dem Kriege: die Lage hat sich deshalb wenig gebessert. In einigen Orten erfüllen die Kolonistensöhne die Rolle von Administratoren, in anderen tun sie die leichtere Arbeit. Die Jugend von Rischon und Sichron hat während des Krieges auf dem Boden der ICA eine selbständige Kolonisation anzufangen — natürlich mit fremder Arbeit — und sie hat kaum ein Arbeitsjahr ausgehalten. Eine Statistik vom Jahre 1920 aus einer großen Kolonie von Untergaliläa beweist, daß von 30 arbeisfähigen Kolonistensöhnen nur 7 in der Wirtschaft beschäftigt sind. In den Kolonien von Judäa ist der Prozentsatz noch geringer, ganz zu schweigen von den Kolonistentöchtern. Eine Änderung ist für die nächste Zeit nicht zu erwarten — im Gegenteil, sobald die Wege offen sein werden, wird wahrscheinlich eine Auswanderung von jungen Kräften beginnen, wohin sie die Augen führen. Und weil die jüdischen Arbeiter keinen Platz in den Kolonien haben und sie diese deshalb meiden müssen, und weil die Koloniejugend zwischen arabischen Arbeitern und Arbeiterinnen aufwächst und in einem Teil der Kolonien die Araber die Mehrheit der Bevölkerung ausmachen, ist es kein Wunder, wenn das Kulturniveau — sei es das jüdische, sei es das menschliche — in den Kolonien ein so niedriges ist und wenn der so viel besungene Traum vom jüdischen Kulturzentrum, das den „wahren Musterjuden" ausbilden und der ganzen Diaspora als Quelle von Leben und Schöpfung dienen soll, durch das privatwirtschaftliche, auf Ausbeutung und fremder Arbeit aufgebaute System zuschanden geworden ist. Der hebräische Kindergarten und die hebräische Schule sehen wie ein Fremdkörper zwischen der arabischen Gasse, dem arabischen Felde, dem arabischen Hofe, dem aschkenasischen Bet-Hamidrasch und der jüdischen „Stube" aus. Und die Wirkung des Milieus erweist sich stärker als die Erbschaft, die einige Schuljahre dem Schüler auf seinen Lebensweg geben. Ältere und hingebungsvolle Lehrer, die ihr ganzes. Leben 15*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.