Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die privatwirtschaftliche Kolonisation in Palästina
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 217 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Die privatwirtschaftliche Kolonisation In Palästina 217 des Bodens gar nicht spürt. Er ist nervös, zerstreut, rastlos, fern der Natur, fern dem Felde und ganz von den Launeri des ausländischen Marktes, des fremden Kurses abhängig, ebenso wie unsere altbekannten Händler und Schacherer aus Litauen und Polen, vor deren Schatten einst die Gründer der Kolonisation entfliehen wollten. Und weil die ganze Arbeit auf dem Felde iivden Händen der arabischen Fellachen und der Beduinen geblieben ist, mußte auch die Wirtschaft auf derselben Stufe der Entwicklung und der Intensität bleiben, wie sie im arabischen Dorfe und beim primitiven Beduinen besteht. Wenn auf dem Gebiete der Plantagen seitens der ICA-Administration und ihrer Agronomen ursprünglich neue Methoden versucht wurden, so blieb doch das Ackerbauwesen des jüdischen Kolonisten gänzlich vom Vorbilde seines arabischen Arbeiters abhängig'. In den meisten der jüdischen Wirtschaften wird mit dem arabischen Pfluge geackert, mit dem arabischen Brett gedroschen, auf arabische Weise das Feld gemessen. Bei den alteingesessenen Kolonisten von Rosch Pinah trägt noch das Vieh die Ernte auf dem Rücken, ohne daß man einen Wagen benützte, in den Pflanzungen von Petach Tikwah und Sichron Jakob wird noch jetzt mit demselben Werkzeug gehackt wie im Mittelalter und bis heutzutage hat noch keine jüdische Kolonie einen Dampfpflug gesehen. Geflügelzucht kann nicht in genügendem Maße betrieben werden, weil im Lande kein entsprechendes Futter gesät wird, und die Milchwirtschaft kann nicht entwickelt werden, weil in den Kolonien keine Luzernen gepflanzt werden. Die Intelligenz ugd Initiativkraft, die dem jüdischen Emigranten in allen seinen Einwanderungsländern stets verholfen hat, sämtliche Möglichkeiten auszunützen und neue Wirtschaftswege zu finden, hat gerade hier, im Lande seiner Erneuerung, restlos versagt. Zuerst haben die französische Administration und der Agronom der ICA dank der philanthropischen Art ihres Wirkens selbst alles getan, um die Initiativkraft des Kolonisten einzudämmen, und später, nach seiner Emanzipation, stellte sich der böse Trieb nach billiger Arbeit wie eine Wand zwischen den Landbesitzer und seinen Erwerbsquell und verurteilte die jüdische privatwirtschaft- Uche Kolonisation zu Rückständigkeit, Schablone, Extensität und Dürftigkeit. Denn ungeachtet aller Vorteile der beispiellos billigen Arbeit der Araber und der nicht minder beispiellosen Freigebigkeit der Philanthropie war der wirtschaftliche Stand der Kolonien niemals ein blühender. Zuerst waren die Kolonisten mit Experimenten beschäftigt und lebten auf Kosten des Barons. Aber auch später, als sie nicht mehr an seiner Tafel saßen, hörten die Defizite nicht auf. Keine einzige Kolonie ist noch in der Lage, ihre öffentlichen Ausgaben zu bestreiten und muß die Hilfe des Waad Hazirim, der *CA, der Hadassah usw. in Anspruch nehmen, um ihre Kinder zu erziehen und ihre Kranken zu heilen. Manchmal werden sogar Synagogen auf Kosten der ICA erhalten, eine Tafsache, die in keinem der ärmsten Städtchen des „Ansiedlungsrayons" möglich sein wäre. In Ober-