Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die privatwirtschaftliche Kolonisation in Palästina
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 216 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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216 Salman Rubaschow: wirtschaftliche Verdrängung des jüdischen Arbeiters die Form eines öffentlichen Boykotts an. Vergebens mahnte die jüdische Jugend und die Arbeiterschaft die Kolonisten an ihre Pflicht, brandmarkten sie als Heuchler und Volksverräter: die Kolonien entledigten sich allmählich ihrer jüdischen Arbeiter. Und jetzt ist die Arbeit in den jüdischen Kolonien nahezu judenrein. In ganz Chederah zum Beispiel oder in Mescha oder in Sichron Jakob oder in Ekron gibt es heute keinen einzigen Kolonisten, der einen jüdischen Arbeiter beschäftigt. In Petach Tikwah, wo einst viele hunderte jüdische Arbeiter Beschäftigung hatten, wird jetzt als Kuriosität ein Kolonist angestaunt, der sich in den Kopf gesetzt hat, gerade Juden in seiner Plantage zu, beschäftigen. In allen Kolonien von Obergaliläa arbeiten bei den jüdischen Kolonisten arabische Charats. Im Hof eines jeden bessersituierten Kolonisten Samarias und Untergaliläas hausen 2, 3 zugewanderte arabische Familien mit Frauen und Kindern. Auf den Gefilden und Gärten der jüdischen Kolonien von Judäa, Samaria und Galiläa tönen arabische Lieder. In Scheune und Stall, in der Pflanzung und im Weingarten, am Acker und am Dreschbrett, bei den Maultieren und bei der Viehherde, überall arbeiten arabische Hände. Aus all den Entbehrungen der Kolonisten, den Geldmitteln jüdischer Philanthropen und zionliebender Gesellschaften, den Leiden der Arbeiterschaft Palästinas und der Begeisterung der jüdischen Jugend erwuchsen . . . arabische Dörfer, exploitiert von kleinen und kleineren jüdischen Eigentümern. Der Traum eines jüdischen Dorfes ist zerronnen. Ist es wenigstens gelungen die jüdische Schicht des Dorfes, die Kolonisten, mit der Natur und der Landarbeit zu vermählen, und sie dadurch wirtschaftlich und geistig umzugestalten? In Galiläa und in den kleinen Ackerbaukolonien arbeitet noch zumeist der Kolonist zusammen mit seinen arabischen Knechten. In den größeren Plantagenkolonien ist dies aber eine höchst seltene Erscheinung. Wenn es einem Kolonisten nicht lohnend erscheint jüdische Arbeiter zu beschäftigen, wieviel weniger, seine eigene Arbeitskraft für seine Pflanzung zu vergeuden. Macht doch der Arbeitslohn überhaupt den kleinsten Teil seines Budgets aus und dafür ist ihm seine Zeit zu gut. Seine Kräfte verwendet er viel lieber um zu spekulieren, den ausländischen Markt zu umwittern, mit der Administration herumzufeilschen, eine Anleihe zu organisieren, für die Zahlung eines Wechsels zu sorgen und im besten Falle billige Arbeiter und treue Aufpasser ausfindig zu machen, der Wirtschaft vorzustehen und ihre Geschäftsbücher zu führen. Der Kolonist in Rischon le Zion ist stets um die Angelegenheiten der Karmel- Gesellschaft und um die Weinpreise des Auslandes viel mehr besorgt als um die Arbeit in seinem Weinberge, den er bereits in zuverlässigen Händen aufgehoben weiß. Und der Plantagenbesitzer zu Petach Tikwah ist um den Valutastand in Liverpool, wohin das Syndikat die Apfelsinen exportiert, um die Zahlungstermine der Leih- und Sparkasse und die Zinszahlungen an die Anglo Palestine Company so voller Sorgen, daß man an ihm den Geruch