Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die privatwirtschaftliche Kolonisation in Palästina
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 214 (sequence 3)
- Language
- German
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214 Salman Rubaschow: Was ist die Frucht all der Anstrengung gewesen? In welcher Lage befinden sich heute die Kolonien und was haben sie die künftige Arbeit zu lehren? Bei der Extensität der palästinensischen Bodenkultur und bei den gegenwärtigen Arbeitsmitteln und Marktbedingungen ist die Landwirtschaft nur imstande die Personen zu ernähren, die direkt in ihr tätig sind. Aber eine soziale Hierarchie von Arbeitern, Aufsehern über den Arbeitern, und Eigentümern, die über den Aufsehern und Arbeitern stehen, zu erhalten, die noch einen Anhang von nichtarbeitenden Personen mit städtischen Bedürfnissen in ihren Familien haben — dieses Wunder konnte die Landarbeit in Palästina bis zum heutigen Tage nicht vollbringen. Nun war aber der Boden von vornherein unter den Kolonisten so verteilt, daß sie unbedingt Lohnarbeiter beschäftigen mußten. Als die ICA im Jahre 1900 in Sichron Jakob die Verpflichtung des Baron Rothschild übernommen hatte, verteilte sie den Boden der Kolonie und der neuerworbenen Nachbargebiete unter die Mitglieder der Kolonie zu gleichen Teilen. Jeder Kolonist erhielt eine komplizierte und zerstückelte Wirtschaft, 300 Dunam durchschnittlich, bestehend aus zerstreuten und manchmal stundenlang von einander entfernt liegenden Besitzungen von Ackerland, Weingärten, Oelbäumen und Mandeln. So glaubte die ICA die sozial gerechte Gemeinschaft errichtet zu haben, indem sie jedem Kolonisten gleichen Boden in gleicher Größe und Gattung gewährte. In Jabneel z. B. besitzen 33 Kolonisten von den 42 Mitgliedern der Kolonie je 300 Dunam Ackerland und. die anderen 9 besitzen je 3—500 Dunam und mehr Ackerland; außerdem hat jeder 25—75 Dunam Pflanzungen. In Jessod Hamaalaah besitzt durchschnittlich jeder Kolonist 2 oder 3 Grundstücke, welche ungefähr 6—900 Dunam ausmachen, — alles Ländereien so umfangreich, so vielfältig und so auseinanderliegend, daß es dem Besitzer völlig unmöglich ist, sie allein, nur mit Hilfe seiner Familie, zu bearbeiten. Dasselbe geschah auch mit den Kolonien der Orangen- und Weinbergkulturen. Es war also von vornherein die ausdrückliche Absicht, daß der Kolonist Lohnarbeiter benutze, und daß der Boden nicht nur seinen Bearbeiter, sondern auch eine über ihm stehende stufenreiche soziale Leiter ernähre. Ursprünglich mag Baron Rothschild die Hoffnung gehegt haben, daß der Zustand der Lohnarbeiter vorübergehen würde, wenn die Kinder d.er Kolonisten heranwüchsen, mitarbeiteten und später auf dem Boden ihrer Eltern selbständig würden. Die Entwicklung der palästinensischen Verhältnisse ging aber andere Wege. Um aus dem Boden den Mindestertrag herauszuschlagen, den er für den Unterhalt seiner Familie unentbehrlich brauchte, war der Kolonist, der keine'Erfahrung besaß und über keine technischen Mittel verfügte, die ihm zur Steigerung der Ertragsfähigkeit des Bodens verhelfen konnten, gezwungen, sich an das einzige Rettungsmittel zu klammern, welches ihm übrig geblieben war: an billige Arbeitskräfte. Und diese gibt es in Palästina, wie im Orient überhaupt, in Hülle und Fülle. Rings um die Kolonien leben Araber in ihren Dörfern, die Boden bei den Effendis pachten und bei ihnen unter vorsint-