Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die privatwirtschaftliche Kolonisation in Palästina
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 213 (sequence 2)
- Language
- German
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Die privatwirtschaftliche Kolonisation iu Palästina 213 Die Hauptfinanzquelle der privatwirtschaftlichen Kolonisation ist eine philanthropische. Ursprünglich waren es Chowewe-Ziongesellschaften, welche die Wirtschaft der Kolonisten finanzierten, und als deren Kräfte nicht mehr ausreichten und sie sich mehr Bildungsaufgaben zuwandten, blieb Baron Rothschild der einzige Ernährer. Er gab dem Kolonisten Boden, Haus, Inventar, und jahrelang gewährte er, und später die ICA, die nötigen Geldmittel für die Jahresbilanz, deckte sämtliche öffentlichen Ausgaben der Kolonie, bezahlte jeden Schaden, führte auf seine Kosten die Prozesse und Verhandlungen mit den Nachbarn und streckte stets bei jedem Unglücksfall neue Gelder vor, in der Form von Subventionen, langjährigen Krediten und neuen Bodenkäufen. Auf Kosten des „Nadiw" wurden die Sümpfe um Chederah entwässerte die Weinkeltern in Rischon le Zion und Sichron Jakob erbaut und eine große Reihe gelungener und mißlungener Experimente angestellt. Erst in den letzten Jahren begannen die Kolonisten „selbständig" zu werden: die ICA stellte in mehreren Kolonien ihre jährlichen Subventionen ein, und die Kolonisten verpflichteten sich, der Administration ihre Schulden zurückzuzahlenj allerdings in einem minimalen Maß, welches in gar keinem Verhältnis zu den verwendeten Kapitalien steht. In der Tat zahlten die Kolonisten bis zum Krieg diese Schuld regelmäßig jährlich ein; aber noch bis zum heutigen Tage werden die öffentlichen und Erziehungsausgaben selbst der reichsten Kolonien nicht aus eigenen Mitteln bestritten. Genaue Angaben darüber, wieviel nationales und philanthropisches Kapital in diese privatwirtschaftlichen Kolonien versenkt worden ist, besitzen wir nicht; jedenfalls beläuft es sich auf viele Millionen Francs. Aber trotzdem hatte es der Kolonist nicht leicht. Viel Mühe und Lebenskraft hat er in diese Kolonien eintun müssen, bis sie zu ihrem heutigen Stande gelangten. Eine Unterredung mit den überlebenden Bilu zu Gedera, ein Blick auf die Witwen in Milchamiah, ein Spaziergang über die Gräber der Kolonisten-Pioniere von Chederah und ein vertrautes Gespräch mit einem Kolonisten zu Metulah genügen, um sich von diesem Ringen einen Begriff zu machen. In ihrer Heimat waren die. meisten der Kolonisten der körperlichen Arbeit völlig fremd gewesen, insbesondere der Landarbeit. Viele kamen ehrlich begeisterten Willens und von dem Gedanken beseelt, an der Grundlage für eine jüdische landwirtschaftliche Bevölkerung in Palästina mitzuschaffen. Als Pioniere, die unbekannte Wege in einem neuen Lande zu bahnen hatten, begannen sie ihr Werk, und als solche bleibt ihr Verdienst für alle Zeiten unbestritten. Die Krankheiten der unbebauten Gegenden, die Neuheit der Arbeit, die Korruption der Beamten einer rückständigen Regierung, die Primitivität der Lebensverhältnisse und das Verhalten der Nachbarn: — um alle dem Widerstand zu bieten mußte man große Entschlossenheit, innere Kraft und Opferfreudigkeit besitzen. Und alles mußten sie allein vollbringen, im Dunkeln tastend. Niemand war im Lande, der ihnen Wegweiser sein konnte, außer dem benachbarten Fellachen, der als Vorbild mehr schadete als nützte.