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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 4 · p. 210

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 4
Article
Magyarische Judenprofile
Date
1921-01-01
Page
210 (sequence 6)
Language
German
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210 Paul Amann: Bestimmtheit uns Meinungen zu Lebensfragen abverlangte, über die wir in der barbarischen Bildungshast des Weltstadtlebens noch nie so fest nachgedacht hatten, wie das kluge Köpfchen neben uns in seinem stillen Kreise. Allwöchentlich fuhr sie nach Budapest, um sich bei einem Professor des Konservatoriums Anleitung für ihre musikalischen Studien zu holen. Sie war sehr begabt und es gehörte zum Stil ihres Wesens, daß sie von ihren geliebten Beethovensonaten selten mehr als einen Satz vorspielen wollte; es war, als könnte sie die Last solcher Leidenschaft nur auf kurze Strecken tragen. Das Bild des jungen Kindes verwebt sich mir unlöslich mit dem bernsteinhellen Glänze der Theiss und den hinter schrägen Brunnenbäumen verschwebenden Luftspiegelungen der Puszta. Die heitere Jucica gab ihre Klavierstunden in der halb dunklen Hofwohnung eines gar nicht ungarischen Zweistockhauses. Das elegante zweite Stockwerk bewohnte der jüdische Komitatsingenieur, der Erbauer der schönen Kettenbrücke über die Theiss. Der gutmütige dicke Herr spielte auch Klavier, doch gehörte es mehr zu den heiteren Genüssen, das ängstlich beglückte Auf und Nieder seiner Wurstfingerchen zu beobachten, die von den weißen, beringten Händen seiner Gattin gleichsam ins Schlepptau genommen wurden, ein für ihr Zusammenleben symbolischer Vorgang. Die nervöse, lebhafte Frau, immer gut angezogen und leicht gepudert, war eine gewandte, liebenswürdige Wirtin — ewig eine Zigarette im Munde — und wenn sie mit prachtvollem Akzent Londoner Songs, Pariser Chansons, deutsche und ungarische Lieder vortrug, glaubte man der Sage, daß sie in guter Stunde immer noch auf kleinem Tischchen Csardas tanzen könne wie die Damen der alten Jubelzeiten, aus deren Schuhen Kavaliere' Wein tranken — achtzehntes Jahrhundert! In gute alte Zeiten schaute auch, wer die Speisekammer solches Haushalts sehen durfte : welche Reihen von Marmeladetöpfen in diesem Lande des Pfirsichs und der Aprikose! Solche hohe Großstadthäuser sind aber noch seltene Ausnahme, eine weiträumige, halb antike, halb orientalische Wohnweise ist die Regel. Nach der Straße zu hat das Parterrehaus eine kurze, gleichgültig neue Stuckfassade; die Tür ist in der Mauer des grünen Wohnhofs, dessen anheimelnde Geschlossenheit beim Eintritt ganz märchenhaft wirkt; immer öffnet sich eine hauslange Veranda auf dieses Fleckchen grüner Stille. Diese reine Zierlichkeit, der Sinn für innenarchitektonische Wirkung ist magyarisch und geht mit altjüdischen Wirtschaftstalenten erfreuliche Verbindungen ein: es gibt ein solideres Ganze als beim christlichen Nachbar und das Leben wird doch minder schwer genommen, als etwa in böhmischer Provinz. Die heissere, leichtere Steppenluft des beginnenden Südens und Ostens wirkt irgendwie lösend auf nordische Schutzpanzer, ein leidenschaftliches, beschwingtes, oft lärmend, ia gewalttätig leichtsinniges Volk lockt verdrängte Orgiastik unserer Anlage in edler und gemeiner Gestalt hervor. Das Unerfreulichste ergibt sich, wo einem derbhäutigen Nachkommen der Rotte Korah im allgemeinen Lebens-

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