Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Magyarische Judenprofile
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 211 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Magyarische Judenprofile 211 taumel doch noch die schmutzige Nüchternheit bleibt, die ihn neben oder unter dem Zigeuner zum Arrangeur jedes Plaisirs tauglich macht; denn selbst die Organisation seiner Genüsse überläßt dieser magyarische Lebenskünstler irgend einem Geldknecht. Dabei kann man nicht sagen, daß sich der Jude dieser etwas kindlichen,, aber berückenden Leichtlebigkeit der ungarischen Oligarchie innerlich überlegen fühlte; mag er das verschuldete Gut eines Magnaten pachten und in eine Musterwirtschaft verwandeln, so tut er sich im Grunde seines Herzens doch nicht allzuviel zugut auf diese Tüchtigkeit und ist stolzer auf gesellige Beziehungen zu einem „Gr6f" als auf die schöne Schule, die er für die Häuslerkinder eingerichtet hat. Man täte den meisten unrecht, in dieser Schwäche Kriecherei zu sehen; da sind tiefe, im Grunde erfreuliche Anziehungskräfte im Spiel. Wie der Jude im Ghetto unbedenklich das Wissen weit über den Reichtum stellte, so spürte er im ungarischen Schlaraffenlande — extra Hungariam non est vita — das Faszinierende ungebrochener Lebenstriebe. So weit er es nur konnte, gab er sich diesem Dionysischen hin; freilich trat gerade bei denen, die noch in wirklich entfesselter Leidenschaft zu leben vermochten, das tragisch tiefe Mißverständnis jeder Diaspora in neuer Form zutage: von ungarischen Gegebenheiten aus drangen diese unbewußten Kräfte gegen jüdische Ziele, so daß sich die ersehnte Ausgleichung eben durch dieses aufrichtigste Mitgehen in ungarischem Lebensrhythmus als unmöglich erwies. Im allem Rausche blieb z. B. der hochgestellte ungarische Jude viel geistiger als sein Landsmann und diese Geistigkeit mußte er verstecken oder sie zog einen Trennungsstrich. Das großartigste, in Verlauf und Folgen furchtbarste Mißverständnis dieses entfesselten Trieblebens trat in der kommunistischen Episode zutage. Erinnern Bela Kun und die um ihn nicht plötzlich, nach Jahrtausenden, an die blutigen Eiferer im Josephus Flavius? Wenn es also der deutlichste Sinn einer langen Volksgeschichte ist, durch unendliche Abänderung der äußeren Verhältnisse alle Möglichkeiten der ethnischen Erbmasse aus ihren Tiefen zu locken, wenn im besonderen das Leben der Juden in vielgestaltiger Zerstreuung wenigstens einzeln allerorten verschiedenartige Töne des verstummten Vqjlakkordes hervorholt, so scheint es mir dieser halbnomadischen Ostwelt eigentümliche Rolle gewesen zu sein, dem Juden einmal, und bis zur Selbstvernichtung, zum dumpfsten Naturgrunde seines Ich Mut zu machen.