Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Magyarische Judenprofile
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 209 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3101111-3101175-3101180-3106652--4998-3106679- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Magyarische Judenprofile 209 meine Wohl sein mochten, der menschliche Gehalt des einzelnen Beamten wurde durch diese lebendige Verbundenheit mit den kämpfenden Hauptinteressen des Landes gewiß gesteigert; daß die Juden eine wertvolle Gesamtposition zu verteidigen hatten, ohne ausschließlich nur eben diese verteidigen zu müssen, wie unsere deutschen Abwehrvereine, gab ihrer politischen Parteinahme naive Ueberzeugtheit, Wucht und Leidenschaft;, es war kein philiströses Kannegießern wie oft bei uns. Da war der stille Archivar der Komitatsstadt an der Theiss, in der ich lange gelebt habe; kein Mensch hätte dem kleinen, einfachen Manne den Heissporn angemerkt, der sich als politischer Schriftsteller seinerzeit soviel Duelle zugezogen hatte, daß seine Partei ihm diesen ruhigen Posten anweisen mußte, um nur sein Leben zu retten. Im Studium der alten Akten fand er eine neue, geistige Existenz. Seine Frau ist die Leiterin der jüdischen Privatschule und genießt die Verehrung der ganzen jüngeren Generation. Ich habe ihr mildes, noch immer schönes Gesicht stets nur ernst gesehen, die Stimme mit dem fast akzentfreien Deutsch klang immer ganz ruhig; erst spät erfuhr ich von andern, daß sich hinter dieser starken Haltung die Sorge und Qual um einen in Sibirien verschollenen Sohn verbarg. Noch ein Sohn — oder waren es zwei? — stand im Felde, von den jungen Töchtern war die eine in der Hauptstadt berufstätig, die andere, — sehr anmutig — lebte schon wie an Kindesstatt in der Familie ihres Bräutigams, der auch an der Front war; so ist mir jetzt nur das Wesen und die Erscheinung der Jüngsten ganz gegenwärtig. Ich erinnere mich, wie ich als rekonvaleszenter Verwundeter nach der Isonzohölle den zarten Ernst und die Heiterkeit dieser schlanken Jugend als eines der kleinen Lebenswunder wiederentdeckte, die nach solchem Grauen uns lächelnd sagten: wir sind auch noch da. Und wie der Winzer im eigenen Wein den feinsten Würzduft der Heimaterde trinkt, verdanke ich diesem Provinzmädchen, das nicht anschaulich wußte was ein Berg ist, auf Sekunden eine seelische Höhenempfindung, die in unserem bedrängten Judendasein selten und kostbar bleibt: einen kindlichen Stolz auf ein solches Knöspchen aus dem alten Stamme, die einfache Freude über den Glücksfall im Spiel der Erbmassen und der Umwelt, aus dem einmal ein harmonischer Mensch hervorgegangen ist, den man fast nur in seiner Wirkung schildern kann. Ein Einfluß der besondern ungarischen Umwelt war bei näherem Zusehn nicht zu verkennen; das klug lebendige Persönchen schien sich unter einem unsichtbar blanken Glassturz zu bewegen, wie ihn unsere Großmütter über zierliche Kostbarkeiten zu stülpen pflegten. Wie konnte einem vor so gesunder Jugend nur die verwehte Schönheit der Urahne einfallen?. Weil hier ein wenig das Unmögliche verwirklicht war, daß uns Frauenanmut einer anderen Zeit, eines früheren geselligen Stils, mit einer sonst verlorenen Plauderkunst entgegentrat, die bald unsere moderne Geistesträgheit zu geschmeidiger Improvisation aufrief, bald mit feiner