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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 4 · p. 208

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 4
Article
Magyarische Judenprofile
Date
1921-01-01
Page
208 (sequence 4)
Language
German
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208 Paul Am ann: Obwohl meine Beobachtungen nur drei Jahre zurückliegen, betreffen sie eine entschwundene Welt. Die bis 1918 so seltsam begünstigte Lage des Judentums in Ungarn kommt nicht wieder. Das starke Protestantentum und die Erinnerung an dessen Glaubenskämpfe schuf eine Atmosphäre religiöser Toleranz (trotz Tisza-Eszlar); wichtiger war die wirtschaftliche Funktion der Juden und deren seelische Rückwirkung auf die Juden; wie die „Schwaben" waren sie dem reichen, aber wenig entwickelten, wenig arbeitskräftigen Lande nötig und so hatte ihr glühender magyarischer Patriotismus in der Tat eine organische, eine funktionelle Grundlage; in einem Lande, wo das Hökerweib zwar unter fröhlichem Gesänge in die Marktstadt fährt und mit Gelächter Zugaben bewilligt, aber schwach im Rechnen ist und oft nicht einmal eine Papiertüte rollen kann, fällt dem kommerziell begabten Juden wie nach physikalischen Gesetzen eine lebenswichtige Rolle zu; das ist so evident, daß es in der Masse auch empfunden wird; nur der magyarische Konkurrent ist erbittert, aber der kommt der Zahl nach wenig in Betracht. Allerdings dürfen wir in der kaufmännischen Tüchtigkeit des Juden keine feststehende Größe sehen und nicht etwa an die verzweifelte Gerissenheit von Berliner oder New-Yorker kaufleuten denken; bei geringerer Gegenwirkung läßt man sich gehen — hier ist eine Wurzel des KafFeehauslebens mit seinem Drum .und Dran —, auch bleiben dieser naiven Bauernkundschaft gegenüber allerlei kleine fängerische Kniffe im Schwünge, die uns Westler altertümlich anmuten. Die wichtigste Besonderheit jenes vergangenen Zustandes lag abier in der großen Zahl von jüdischen Beamten in allen Zweigen des öffentlichen Dienstes; die edelsten Seiten unseres Volkscharakters gedeihen immer fern vom Mammonsdienst am besten; der Jude ist seiner ersten Anlage nach gewiß kein idealer Beamter; abgesehen von dem Mangel einer solchen Tradition fehlt ihm oft der Sinn für Exaktheit, für Sorgfalt und Ordnung im Kleinen, ferner — was ja kein absoluter Fehler wäre, aber besonders grotesk wirkt — das Verständnis für soziale Distanz und Hierarchie; wer nach einem Gang in die Aemter gewisser Kultusgemeinden alles dort vom Amtsbetrieb Aufgefangene mit Tonfall und Geste wiederzugeben vermöchte, hätte eine fertige Possenszene. Im Falle Ungarn aber wurden diese Schwächen durch ein Zusammenwirken mit nichtjüdischen Beamten vielfach deutscher Abstammung gemildert, auch machte die halborientalische Umgebung nur geringe Ansprüche an formale Exaktheit; andrerseits neigt der Jude gar nicht zu den typischen Beamtenübeln der Verknöcherung und der Pedanterie; so wurde -durch richtige Hemmung und Förderung in bescheidener aber nicht aussichtsloser Lebensstellung ein meist recht erfreulicher Typ herausgebildet. Viele waren auf dem Wege über die Politik ins Amt gekommen, besonders die Stellung der Komitatsbeamten wurde durch die jeweilig herrschende Partei befestigt oder bedroht; so bedenklich solche Zusammenhänge für das allge-

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