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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 4 · p. 207

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Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 4
Article
Magyarische Judenprofile
Date
1921-01-01
Page
207 (sequence 3)
Language
German
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IRI
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Magyarische Judenprofile 207 vertrieben, wie andere Juden aus dem Osten, sie sind auch seelisch aus allen Himmeln gefallen. Mag ein anderer, einer aus ihren Reihen, der Jeremias ihrer Fehler und süssen Selbsttäuschungen werden, ich will nur wenige Typen skizzieren, die mir bezeichnend scheinen. Dabei übersehe ich Gestalten, wie sie jetzt das Wiener Straßenbild mitbestimmen; Wien ist ja das bedeutendste Sammelbecken der letzten Flüchtlingswellen, eine Art Alexandrien der jüngsten Diaspora, und seine künstlerisch begabte, etwas schlaffe Phäakenbevölkerung empfindet das Eindringen des fremden Elements als Lebenskrise, Was nun gerade von ungarischen Juden im Wiener öffentlichen Leben deutlich sichtbar wird, sind eben die unerfreulichsten Vertreter; schon um ihrer beschränkten Mittel willen verbergen sich die achtungswertesten Mitglieder der Kolonie, meist junge, ideal gesinnte Kommunisten, in Notquartieren; dazu kommen die vielen Studenten, die der numerus clausus an der Budapester Universität nach Wien gedrängt hat. So kenne ich einen Kriegsinvaliden, der in Sibirien über deutscher Metaphysik sein medizinisches Studium vernachlässigt hat und es nun hier unter Erschwerungen nachholen muß; moralische und materielle Stütze findet er an seiner blutjungen ernsten Frau, die, künstlerisch begabt und ausgebildet, ihr Brot mit dem Zeichnen von Möbelentwürfen erwirbt. Solche Leute sieht man nicht in Konzert-Kaffees. Es ist nun aber allerdings nicht zu leugnen, daß der mit etwas Schwung liederliche, nachtschwärmende, kartenspielende, dem Zigeunerprimas verbrüderte Jude in der Tat ein judäo-magyarischer Typus ist, der sich durch seine Verwegenheit, das gute Gewissen in der Ausschweifung, manchmal durch einen gewissen dämonischen Reiz, wie er der sich selbst bejahenden Leidenschaft innewohnt, von äußerlich ähnlichen Judentypen, besonders der westlichen Großstädte, deutlich unterscheidet. Als ich einmal fiebernd in einem galizischen Feldspital lag und gegen ein Uhr nachts eine tarokierende Gesellschaft dieses Schlages um Ruhe bat, bekam ich zur Antwort: „Wos gehst in Spitol, wannst bist kronk?" Leopold Kompert, der als Hofmeister in einer ungarischen Aristokratenfamilie diese Dinge aus der Nähe beobachten konnte, hat in einer seiner Ghettogeschichten gezeigt, wie ein böhmisches Judenmädchen mit ihrer schlichteren, geradlinigen Art an einem solchen feurigen Lüdrian zugrunde geht. Bei längerer Verpflanzung scheinen gerade die günstigen Seiten dieser Spielart sich zu behaupten; unter der Wiener Judenschaft, deren älterer Bestand sich nach der letzten Austreibung sowohl aus den Sudetenländern als aus Ungarn neu gebildet hat, sticht das ungarische Element zweifellos lebenskräftiger hervor: temperamentstarke Männer, weibhaftere, reizvollere Frauen, nicht immer zum Heile der Familien. Auch Theodor Herzl stammt daher. Mir war im Kriege Gelegenheit geboten, ungarische Provinzjuden in ihrer Umwelt zu sehen; dabei ergaben «»sich Züge, die bei den Emigranten kaum zu bemerken sind. Gerade diese also will ich im Folgenden herausarbeiten, denn sie sind wesentlich.

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