Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Magyarische Judenprofile
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 206 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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206 P aul Amann: so notwendig es war, überall von einem gewissen Zeitpunkt an den Kampf gegen eine gedankenlose und unbedenkliche Assimilation zu eröffnen, so scheint mir jetzt der Zeitpunkt gekommen, viele schöne Ergebnisse jüdischer Selbstversenkung durch klar hingestellte äußere Empirie zu ergänzen. Zu diesen Erfahrungswerten kommen wir aber nur durch eine geduldige, von aller Polemik freie Betrachtung, die vor allem gerade dem gelten muß, was in allen Wohnländern der Diaspora als deren besondere Assimilationsart erscheint. Kämpfernaturen, die durch solch objektives Eingehen den kaum besiegten Feind wieder zu ermutigen fürchten, mag der Hinweis auf den analogen Fall der konfessionellen Lebenslügen beruhigen: sie haben keinen gefährlicheren Gegner als die vergleichende Religionsforschung. Dann aber würde eine solche soziologische Assimilationsforschung nur dadurch ein geistiges Band um ihre Einzelerkenntnisse schlingen können, daß sie zur Voraussetzung macht, was das Um und Auf aller Polemik gegen Assimilanten ist, nämlich den Satz, es gebe gar keine wirkliche, in ~ die letzte Tiefe reichende Angleichung an die jeweilige ethnische Umwelt, in einem Grade, daß man aufhören könnte, Jude zu sein, um ganz Deutscher, Engländer oder Pole zu werden. Hingegen widerspricht diese mehr wisssenschaftliche Einstellung allerdings einer Meinung, die in der Hitze des Kampfes gelegentlich aufkommt: der nämlich, daß alle „assimilatorischen" Lebensformen ganz leer an jüdischem Gehalte, spielerische Seifenblasen seien. Vielmehr werden die Wirtschaftsvölker in ihrer Besonderheit etwa wie chemische Reagentien anzusehen sein, die aus dem lebendigen, also begrifflich unerschöpfbaren X des jüdischen Wesens immer andere Gegenwirkungen hervortreiben. Die Wichtigkeit dieses Studiums ergibt sich aus der einfachen Erwägung, daß in unserer Wirklichkeit ja nur solche in irgend einer Richtung beeinflußte Splitter des jüdischen Volkes gegeben sind; ich übersehe nicht den Abstand zwischen einem City-Juden, der sich ehrlich als Engländer bezeichnet, und dem Kiewer Wasserträger, der sich ebenso ohne Besinnen als „Jüd" und nicht als Russe bekennt; aber eine unbewußt bleibende Einwirkung der Heimat geht um so tiefer und so ist denn an unseren ostjüdischen Freunden gewiß nicht nur das Teetrinken russisch, sondern auch ihre Vorliebe für theoretische Erörterung — ja vermag man ihr Bestes, ihren asketischen Opfermut, ihre heroische Bedürfnislosigkeit vom Besten im Russentum ganz klar zu scheiden? Ich versuche hier nur bescheidene Vorarbeit; so wollte ich im vorigen Jahre ein paar Umrisslinien zum Bilde des französischen Juden ziehen*): heute bringe ich Beiträge zur Kenntnis des ungarischen Juden. An dem Vorsatze, unpolemisch zu verfahren, gilt es hier um so mehr festzuhalten, als unsere Brüder in Ungarn, jetzt vielfach nur „aus Ungarn", sehr unglücklich sind. Sie sind nicht nur materiell bedrängt und zum Teil *) „Assimilation" in Frankreich („Der Jude", V. Jahrgang, S. 140ff,)