Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zur Klärung
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 203 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3101111-3101175-3101180-3106651--4990-3106673- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Zur Klärung 203 vorwerfen, daß er dies nicht getan, dieses Interesse nicht — oder zu wenig — beachtet und daher auch den Beginn einer großen Kolonisationsarbeit (die London zeigen sollte, daß wir die Position auszubauen nicht bloß innerlich befähigt, sondern auch willens und imstande sind) nicht nachdrücklich genug gefordert hat. Aber hier muß ich eins einschalten. Meine Opponenten sprechen von Weizmann; ich habe nicht von ihm, sondern von der Leitung gesprochen; wer innerhalb ihrer (der damaligen Leitung) für die von mir hervorgehobenen Fehler und Unterlassungen verantwortlich ist, das zu beurteilen fühle ich mich nicht zuständig, und die Auseinandersetzungen auf dem Karlsbader Kongreß haben mich in diesem Punkte nicht urteilsfähiger gemacht. 2. Es wird mir in der Antikritik mitgeteilt, die strategischen Vorteile Palästinas für England, die Weizmann auf dem Kongreß als Humbug erklärt hat, seien seinerzeit von „uns" der englischen Regierung als eines unserer Hauptargumente vorgeführt worden. Ich nehme dies zur Kenntnis. 3. Eine „Kolonisation nach ägyptischem Muster",' die England angeblich in Palästina hätte machen können, läßt sich nicht bei jedem Stande der wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung der eingeborenen Bevölkerung bewerkstelligen; bei dem der eingeborenen Bevölkerung Palästinas nicht; jedenfalls war dies die englische Meinung, als die Balfour-Deklaration erlassen wurde. 4. An die „künstliche Schaffung eines Nationalitätenstaates" hat das offizielle England zur Zeit der Abfassung der Balfour-Deklaration nicht gedacht; es dachte sich damals vielmehr die Juden als Vertreter der Briten und der britischen Funktion der. eingeborenen Bevölkerung gegenüber, mit der Ausnahme, daß sie zugleich auch, die geschulten oder leicht schulbaren Arbeitermassen liefern sollten, zu deren Lieferung die eingeborene Bevölkerung, wie ich eben angedeutet habe, nicht oder noch nicht befähigt schien. 5. Ich habe gesagt, daß England das jüdische Volk als legitimes Rechtssubjekt zur Begründung .seines Anspruchs auf Palästina brauchte. Darauf wird mir merkwürdigerweise erwidert, man sei von je in der Politik „um eine Legitimierung, der absurdesten Ansprüche" nicht verlegen gewesen. Zweifellos; aber um eine Legitimierung, die Aussicht auf internationale Anerkennung hatte, war man je und je ebenso verlegen, wie England im vorliegenden Fall gewesen wäre, wenn es den Zionismus nicht gegeben hätte. 6. Daß nur England, wie mir entgegengehalten wird, Palästina bekommen konnte, „aus dem ganz einfachen Grunde, weil es das Land bei Kriegsausgang militärisch in der Hand hatte", bedeutet eine ganz unzulässige Vereinfachung. Hatte England nicht auch manches „in der Hand", was es nicht bekommen hat? Die politische Grundtatsache ist hier doch die Rivalität zwischen England und Frankreich in Vorderasien; wer deren Entwicklung und dazu auch den Gang des europäischen Kriegs überschaut, wird ver- 14*