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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 3 · p. 199

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 3
Article
Die jüdische Geschichte [Rezension]
Date
1921-01-01
Page
199 (sequence 4)
Language
German
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Umschau: Geschichte 199 Bewußtseinslage des Volkes grundsätzlich zusammen. Beide treffen das Volk im Augenblick der Enge und also vor allem von der kulturellen Seite her, was allerdings im europäischen achtzehnten Jahrhundert sofort zu einem meist bewußten Kausalnexus mit der politisch-bürgerlichen Emanzipation führt, während im vierten Jahrhundert vor Christus der „Kulturkampf" vor dem politischen entbrennt. Gänzlich anders liegt es in Spanien, wo die politische Abhängigkeit erst sehr allmählich die gleichzeitige kulturelle Hochblüte zerstört und so allerdings auch von dieser Seite her die enge Zusammengehörigkeit politischer und kultureller Bedingungen für wirklich nationales Leben erweist. Wie machtlos Dubhow. dem Kern des hellenistischen Problems gegenübersteht, zeigt sich in einem nur scheinbar anderen Zusammenhang: als er bei der Besprechung der „dritten Grundformation", der „talmudischen oder religiös-nationalen Periode" den „absoluten Wert" der „Agada- und Midraschim-Literatur" weit über „das offizielle Schriftwerk der Halacha" stellt. „Das Schaffen der Philosophen, der Dichter und Moralisten ist dauernder als die Werke der Gesetzgeber" — dies ist ein in solcher Verallgemeinerung ganz unhaltbarer Satz. Er gilt ebenso wenig für die Juden wie etwa für die Römer — beide Völker wirkten ihre Philosophie und Dichtung, ihre Moral und ihre spielende Freiheit gerade am Gesetz aus. Das Griechentum dagegen ist an seinem Ueberfluß an Haggada und seinem Mangel an Halacha zugrunde gegangen; Haggada hätte man auch als hellenistischer Jude haben können und man hat als solcher ähnliches gehabt: der Sieg über die hellenistische Assimilation war recht eigentlich — nun: nicht ein Sieg der Halacha, wohl aber das Vor-Fest jener fruchtbaren Ehe,' die beide Prinzipien später im Talmud schlössen und deren Hochzeitslied uns B i a 1 i k gesungen hat. Gerade in Dubnows Werturteilen, zu denen er als Geschichtsphilosoph ja zweifellos Recht und Pflicht hat, beweist sich seine Denkweise in völliger Klarheit als das, was sie ist: als eine flach maskiliscne. Nicht nur etwa in der fast bedingungslosen Hochschätzung der Haskala selbst, sondern auch z. B. in der — recht unkritischen — Art, wie er den protestantischen Bibelkritikern Nachfolge leistet, vor allem aber in der völlig schiefen Behandlung der deutschen Assimilationsperiode. Er sieht sie — recht unhistonsch, mit den Augen eines Ostjuden — ganz als westliche Haskala und überträgt deren Kategorien auf die so anders geartete Bewegung: die Loslösung von den religiösen und nationalen Traditionen geschah nach ihm »keineswegs den Nachbarvölkern zu Gefallen" (David Friedländers Brief an den Superintendenten Teilerl Israel Jakobsohns paritätische Schule zu Seesen am Harzl), — nach 1848 vollends reißt zwar die universale Tätigkeit den deutschen Juden fort, bringt ihn „aber nicht mehr von der jüdischen Nationalsphäre ab" (Gabriel Riessers Primat des Deutschtums als bewußtes Bekenntnis, Abraham Geigers Entnationalisierung des Gebetbuches als bewußter Bruch mit der Vergangenheit!). Lassalle, Lasker und Marx werden neben Riesser, Geiger und Graetz als gleichwertige Vertreter nationalen Judentums auf verschiedenen Gebieten genannt — „ihr Ideal ist, daß die universale und national-jüdische Tätigkeit nicht einander schädigen". Ich bin der letzte,, der das eminent Jüdische in Marx etwa übersehen und nicht im Gegenteil ein geschichtsphilosophisches (wenn auch gänzlich unmarxistisches) Problem in der Tatsache anerkennen würde, wie stark Gestalt und Werk dieses einzigen Mannes gerade auf die jüdische Masse gewirkt haben. Wenn aber, wie hier bei Dubnow, nicht vom immanenten Sinngehalt eines jüdischen Menschen, sondern von seinem Willen und seinem „Ideal" gesprochen wird, dann können derartige Worte die seelische und geistige Situation des Deutsch-Juden nur in einem — idealisierten — Zerrbilde zeigen. Man lese Marxens (geniale!) Schrift „Zur Judenfrage" — oder noch besser: man betrachte einen Augenblick das jüdische Werk Eduard Laskers, den ja Dubnow auch in diesem Zusammenhang nennt. Der große Parlamentarier hat bekanntlich aus seinem politisch-abstrakten Liberalismus heraus, ganz ohne spezielle jüdischreligiöse Interessen, das — wenn nicht der Absicht, so der Wirkung nach — Antinationalste geschaffen, was vielleicht seit Jahrhunderten gegen Sinn und Aufgabe des jüdischen Volkes geschehen ist: das preussische „Austrittsgesetz", das Samson Raphael Hirsch, dem machtvollen Führer der Neu-Orthodoxie, seine secessio in montem sacrum, die Lostrennung vom K'lal Jisroel in eigene Gemeinden hinein, politisch ermöglichen sollte und ermöglicht hat. S o haben sich universale und national-jüdische Tätigkeit „nicht geschädigt". Ebenso wie der unjüdische Charakter der westlichen Assimilation, ist die Gefährlichkeit des europäischen Antisemitismus verkannt; aber auch für die Fragen, die ohne intimere Kenntnis gerade der deutschen Zusammenhänge sich dem Geschichtsphilosophen aufdrängen müßten, reicht Dubnows Blick in keiner Weise aus. So ist das Ereignis, das die Zionsliebe zuerst wieder in den Herzen des zerstreuten Volkes weckte, überhaupt nicht erwähnt, obwohl es einen historischen Wendepunkt bedeutet: die Übersiedlung der Pariser Jeschiwa nach Palästina (im i3ten Jhdt), die Aussendung des ersten Meschulach, der Beginn der Chaluka. Dies Ereignis ist in seiner Tragweite kaum zu überschätzen: wenn wir bedenken, daß Babylon in vielen talmudischen Vorschriften schon dem Heiligen Lande gleich gesetzt

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