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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 3 · p. 198

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 3
Article
Die jüdische Geschichte [Rezension]
Date
1921-01-01
Page
198 (sequence 3)
Language
German
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Umschau: Geschichte geschlossen in seiner Kaste, aber er ist in dem, was er von dem Volke fordert, dem bestehenden Zustand viel näher als der Prophet: er verlangt nicht innere Prüfung, sondern äußeren Ritus, nicht seelische Entscheidung, sondern fromme Tat. Er kommt aus der Gemeinschaft der Kaste und stellt daher erfüllbare Forderungen an die Gemeinschaft des Volkes: Opfer darbringen kann man, wallfahren kann man; einen Neubruch brechen — das ist über die Kraft So konstituiert der Priester die gegebene Gleichheit des Menschen, die Demokratie des Bestehenden, immer mit der aristokratischen Ausnahme seines Kastenprivilegs. Und nachdem die gesehichtsphilosophische Betrachtung so die Elemente auseinandergelegt hätte, wäre dann weiterhin auf die höchst bedeutungsvolle Ehe hinzuweisen, die das priesterüche und das prophetische Prinzip im Deuteronomium schließen, vor allem aber auf jenen Bund, den der priester- Uche und prophetische M e n s c h in Männern wie Ezechiel und Nehemia miteinander eingehen. Schließlich hätte eine solche Untersuchung noch die weitere Entwicklung der Frage (ähnlich oder anders wie es Buber getan hat, je nachdem) durch die Parteiungen der hellenistischen Zeit, durch Halacha und Haggada, durch den Streit der Gaonim und Karäer, den des Rambam mit dem Rawid, den Smichakonflikt, die messianischen Bewegungen, die Assimilationen, die Neu-Orthodoxie, den Zionismus hindurch zu verfolgen, in seinen mannigfachen Brechungen und Umschlingungen aufzuzeigen — nicht aber zufrieden zu sein mit dem einfachen Gegensatzpaar: aristokratisch und demokratisch. Damit ist nichts gesagt; und mindestens so viel Falsches angedeutet wie Richtiges. Aber Dubnow selbst ist sein schärfster Kritiker, »Das Fazit* aus den beiden ersten Kapiteln zieht er in folgenden Sätzen: „Die jüdische Geschichte, sowohl in bezug auf ihre quantitative Dimension als auch in bezug auf ihre qualitative Komposition, ist eine im höchsten Grade eigenartige und zweifellos ungewöhnliche Erscheinung". Das ist ein Werturteil, aber kein Fazit, Der prinzipielle Unwert des Büchleins dürfte bereits jetzt klar geworden sein. Doch ist es vielleicht nützlich, noch einige besonders deutliche Irrungen herauszuheben, ohne uns — wie bisher — streng an die Einteilung der Abhandlung selbst zu halten. In seiner" „zweiten Grundformationa, der „geistig-politischen Epoche**, die der Verfasser von 538 v. bis 70 n. Chr, datiert, kommt er auf den Konflikt zwischen Judentum und Hellenismus zu sprechen. Die Gründe, die Dubnow für die Unvereinbarkeit jüdischer und hellenistischer Art anführt, sind zwar nicht eben sehr stichhaltig, wie wir gleich sehen werden — aber immanent könnte ein solcher Beweis aus der völligen Verständnislosigkeit herausgelesen werden, mit der ein jüdischer Denker dem grartigen Versuch des sterbenden Griech**^- entgegentritt, durch eine imperialistis^ aktive, positive Assimilation die Wsich mehr geistig noch als politisch zugliedern. „Zeus, der auf dem 01y~A hauste, die höchste Naturkraft personifizierte, ungeheure Quantitäten von Ambrosia und Nektar vertilgte und ein ziemlich liederliches Leben sowohl auf dem Olymp, wie auch außerhalb desselben führte** — ja, dieser Zeus und ein nach ihm gerichtetes Griechentum ist bequem als unvereinbar mit dem jüdischen Gott und seinem Volke zu beweisen. Schwieriger, aber einzig lohnend würde die Aufgabe sein, jene tiefe und zum Teil gerade die Besten lockende Macht einer Weitkultur zu schildern, die hier dem in Enge und politischer Ohnmacht, in starrem Gesetz oder In aristokratischem Dogma lebenden Volke entgegentritt, das eine große Vergangenheit hat und eine große Zukunft, aber doch in einer kleinen Gegenwart vegetieren muß. Da vernimmt es plötzlich den Ruf der Weite und des Lebens. Lange schwankt das Volk, bis es sich schließlich zu dem heroischen Verzicht durchringt, diesen Ruf nicht zu hören. Womit die Entscheidung zum Judentum gegeben ist Selbst für Dubnows, auch hier wieder deutliche, apologetische Tendenz wäre es doch zweckmäßiger, die Gegenmacht in ihrer wirklichen Grösse zu zeigen und so den Ruhm des inneren und äußeren Sieges zu steigern. Statt dessen wird den Griechentum so herabgesetzt, wie es die christlichen Theologen in ihrer „Vorstufentheorieftmit der biblischen Geschichte zu machen pflegen — ja Dubnow kommt in seiner Verblendung zu der geradezu fälschenden Behauptung, daß „die hellenistische Weltanschauung das Sittliche mit dem Schönen und Angenehmen identifiziert und das Leben in ununterbrochenen (!) physischen und geistigen Genüssen bestehen läßt" — wogegen dann das Judentum in das Licht sittenstrenger Helligkeit und maßvoller Tugend gerückt wird. — „Des Schönen und Angenehmen0? Kalos kai agathos — das heißt schön und gut; kein Volk vielleicht hat in der Forderung des Masses eine tiefere Beziehung zwischen Aesthetik und Ethik hergesteilt als die Griechen, keines die tragische Hybris des Einzelnen — in der Polis wie im Drama — bitterer gerächt als gerade sie. So läuft Dubnows naive Völkerpsychologie letzten Endes hinaus auf einen Uebersetzungsfehler* Wollte man auch hier noch die argumenta e silentio gegen den Geschtchtsphilosophen heranholen und auf die wirklichen Fragen hinweisen, die beim Problem der Assimilation — in seiner hellenistischen* arabischen, europäischen Gestalt etwa — vorliegen, so wäre folgendes zu sagen: die griechische und die deutsche Assimilation gehören trotz vieler Verschiedenheiten in der

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