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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 3 · p. 200

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 3
Article
Die jüdische Geschichte [Rezension]
Date
1921-01-01
Page
200 (sequence 5)
Language
German
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300 Umichau: Geschichte wird — z. B. in den Bestimmungen über die Auswanderung von und nach dem neuen Zentrum —, daß die Geonim — ganz ähnlich wie später Abraham Geiger es mit bewußtem Rückgriff auf ihre Fragestellung tat — das Regen- und Tau-Geb et von den palästinischen auf die babylonischen Jahreszeiten verlegen oder wenigstens durch den Zusatz „le tau wo!" auch für Babylon in Geltung setzen wollten, so wird einem klar, welche Verminderung jener zentralen Beziehung zu Palästina unterdeß in der Diaspora eingetreten war. Aber Cordova erbte nicht die ganze Machtfülle und Mittelpunkt- Kraft, die Sura und Pumpedita besessen hatten: es blieb jetzt wieder Raum für ein (zunächst) zweites Zentrum. Dies wurde durch die Übersiedlung der Pariser 400 Gelehrten errichtet; durch den Boten, der um die Erhaltung der neuen Palästinenser bei den Juden der Diaspora warb,-ist dann auch sehr bald der direkte Zusammenhang zwischen Zion und jedem einzelnen Sohn des Volkes wieder hergestellt worden. Er riß nicht mehr ab; der Schulchan Aruch stärkte ihn, Sabathai Zewi schwächte ihn, der Zionismus nahm ihn schöpferisch wieder auf. — Von all dem steht bei Dubnow kein Wort. Das Kernproblem der judischen Diasporageschichte wird an zwei Stellen der Schrift flüchtig gestreift, ohne irgend in seiner Bedeutung erkannt und erörtert zu werden. Zu Beginn des Abschnitts über die „dritte kombinierte Formation, die rabbinisch-my- Stlsche Periode oder die Hegemonie der deutsch-polnischen Juden (1492-1789)" steht folgender Satz: „In derselben Zeit, da für die abendländische Christenheit das Mittelalter formell (!) geendet und die Neuzeit bereits begonnen hatte, bestand für die Juden das Mittelalter in seiner ganzen brutalen Macht . . Und ein anderes Mal heißt es: „Elia Gaon und Israel Beseht sind die Zeitgenossen Voltaires und Rousseaus". Hier liegt eine Erkenntnis versteckt, die wir ausgraben müssen; sie lautet: Der Anachronismus ist der Schlüssel zum Verständnis unseres zerstreuten Lebens. Seit wir kein eigenes Kraftzentrum mehr haben, treffen uns noch stärker als schon damals politische und kulturelle Ströme aus fremden Zentren. Aber sie gelangen erst dann zu uns, wenn sie ihren Ursprung längst verlassen haben und dort schon wieder von anderen Strömen abgelöst worden sind. Wir bekommen sie nicht nur matter, sondern auch später. So erlebten wir die Aufklärung, als Europa sie durch die Romantik überwand: so sehen wir jetzt in Teilen des Zionismus eine späte Romantik aufblühen. Aber gerade dies letzte Beispiel zeigt, daß bisher nur eine Seite der Sache beleuchtet worden ist. Wir sind nicht nur der Amboß, auf den der Hammer der Fremden saust. So sehen uns meist die christlichen Historiker. Aber wir sind auch nicht nur Hammer, sind kein souveränes Volk. So sieht uns meist der jüdische Historiker, so auch Dubnow. Wir sind Hammer und Amboß zugleich. Dies Schicksal gilt"es zu begreifen, denn auf die Ströme des fremden Einflusses stoßen nun diejenigen, die aus der zerteilten, aber doch noch vorhandenen Seele des eigenen Volkes ans Licht wollen. Die beiden Quellen vermischen sich: es entsteht das Phänomen einer arabisch-jüdischen Kultur. Sie stören sich: es entsteht der Antisemitismus. •Sie verstärken sich gegenseitig: es entsteht die Assimilation. Sie kreuzen sich: es entsteht eine messianische Bewegung. Dies sind die einfachen Formen, die nun aber häufig kombiniert auftreten und sich in der mannigfaltigsten Weise zusammensetzen. Die Art solcher Wechselwirkung wäre für jede Epoche gesondert nachzuweisen. Die ganze unheimliche Doppelheif seines Gesichtes zeigt der Anachronismus aber erst dann, wenn wir das Verhältnis zwischen dem Einzelnen und der Masse ins Auge fassen. Für diesen einen Bezirk scheint das Gesetz auch für die biblische und prophetische Zeit zu gelten: der Prophet ist die Verkörperung des Anachronismus. Die Zukunft, die in ihm lebt, macht ihn zum Propheten — die Vergangenheit, die in seinem Volke lebt, macht ihn zum Märtyrer. Die Zerstreuung reißt auch hier wieder den Riß tiefer und weiter auf. Der Einzelne wird zum Achäer, Er verliert den Zusammenhang mit dem Volke — das, was wir die demokratische Tendenz der prophetischen Wirksamkeit nannten — und wird der Führer und Vor-Läufer der« anderen Nationen. Der regulativen Macht der gewachsenen und daher beharrenden geistigen Heimat entbehrend, gerät sein Anachronismus ins Extrem: er wirkt als Revolutionär den Möglichkeiten, seines Wirtsvolkes weit voran. Das Volk selbst indes — von sich aus schon in der Vergangenheit lebend — muß die vorwärtspeitschenden Führer missen und ist bald um dasselbe Stück hinter dem Gange der Geschichte zurückgeblieben, das die ihm entfremdeten Söhne anderen Völkern voran sind. So hat die Diaspora keine historische Zeit. Diese Einstellung ist der Dubnowschen Darstellung immanent, wie sie der ganzen jüdischen Geschichte immanent ist. Nirgends aber ist in der Schrift der Versuch gemacht, das Problem als Problem klarzustellen und es aus seiner Verflechtung mit dem historischen Material zu erlösen. Gerade das aber: die klare Stellung dieser Aufgabe hätte ein „geschichtsphilosophischer Versuch" leisten müssen. Die Lösung der Aufgabe selbst ist einer künftig wahrhaften Geschichtsphilosophie des Judentums vorbehalten. Ernst Simon

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