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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 3 · p. 197

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 3
Article
Die jüdische Geschichte [Rezension]
Date
1921-01-01
Page
197 (sequence 2)
Language
German
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Umschau: Geschieht© 197 Zeit des Anglelchens und Auslöschens einen historischen Sinn — als Symptom solchen Tuns — gehabt hat, ist in die anders gerichtete nationale Bewegung mitübernommen worden und kann jetzt nur schwer aus unsern. Urteilen vertrieben werden. Apologie ist dem Leser gemeinsam mit dem Autor — dem lebenden Leser, der nichtjüdischer Umwelt möglichst viel neue Größen unseres neuen Lebens vorweisen will, aber auch dem Autor Dubnow, dessen historischer Blick durch solche Absichten getrübt, dessen Methode — wie man fachlich sagt — gleichfalls „unkritisch" wird. Das zeigt sich gleich im ersten Abschnitt des Büchleins, der vom „Umfang der jüdischen Geschichte" handelt. Die wichtige, wenn auch landläufige Erkenntnis, daß die Schicksale fast aller Völker der Erde das jüdische Geschehen beeinflußt haben und rückläufig von ihm beeinflußt worden sind, wird dort in folgendem Bilde ausgemalt: „Wenn man sich die Weltgeschichte in Form eines Kreises denkt, so wird die jüdische Geschichte die Stelle des Durchmessers einnehmen, der durch den ganzen historischen Kreis geht, die Geschichte anderer Völker hingegen wird durch Sehnen dargestellt, die nur kleinere Teile des Kreises begrenzen". Dann — unvermittelt auf das an sich richtigere Bild der (Erd-) Kugel überspringend — heißt es weiter, daß die „'Geschichte des jüdischen Volkes gleich einer Zentralader die ganze Geschichte der Menschheit von einem Pol bis zum anderen durchläuft". Hier ist — ganz parallel der assimilatorischen „Missionsidee" (es muß und wird auch eine nationale Missionsidee geben!) — aus unserem Unglück eine .Tugend gemacht. Jeder, der nicht apologetisch verblendet ist, wird sofort sehen, daß dieser Reichtum an Umfang — wie in der Lehre vom Begriff — einer Armut an Inhalt entspricht; daß nichts anderes als die tragische, wenn auch fruchtbare Anomalie unseres nationalen Schicksals diesen Reichtum an Berührungspunkten mit fremden Völkern und Kulturen erzeugt hat; daß wir nicht die Achse des Erdballs und seines Geschehens .sind, sondern ein Kreis auf dieser Kugel, während die anderen Völker als Kugelsektoren zwar nur mit einem geringeren Stück der Oberfläche in Zusammenhang stehen, datür aber in die Tiefe gebaut sind und sich wurzelhaft um den Mittelpunkt lagern. Selbst die Anhänger der liberalen Missionsidee sprechen ja nur — an sich völlig zutreffend, jedoch mit falscher Wertung — vom „Salz der Erde" als der Gabe und Aufgabe des Judentums; das Gleiches von der Weltachse zn erfinden, blieb unserm nationalen Historiker vorbehalten. Wer hier etwa einwendet, daß diese geschichts- Philosophische Ueberzeugung Dubnows mit seiner politischen, galuthbejahenden Einstellung eng zusammenhängt, der übersieht, äaß zwar hiermit wahrscheinlich das Motiv seines Seh- und Denkfehlers, keineswegs aber dessen Berechtigung nachgewiesen ist. Bald darauf wird der prinzipielle Mangel in der ganzen Anlage der Abhandlung deutlich: der Wille, den „geschichtsphllosophischen Versuch" durchzuführen, bleibt gleich im Ansatz stecken; schon das nächste Kapitel über den „Inhalt der jüdischen Geschichte" holt nicht etwa die ganz grundlegende, umgekehrteProportion zwischen Umfang und Inhalt nach, die wir im letzten Abschnitt vermißten, sondern läuft vielmehr auf eine verkürzte Darstellung des gesamten jüdischen Geschichtsablaufes hinaus — wie das ganze Buch. Aber auch diese, an sich sehr verdienstvolle Aufgabe, die dem H i s t o - riographen Dubnow wahrscheinlich gelungen wäre: dem Geschichtsphilosophen wird-sie gestört durch seine ursprüngliche Absicht, die — bald vergessen, bald wieder auftauchend — den Rahmen der einfachen Erzählung sprengt und ihren Inhalt vergewaltigt. Nachdem der Verfasser z. B. mit unzweifelhaftem Rechte wieder einmal festgestellt hat, daß wir Juden ein „Volk des Geistes" sind, versucht er, die schon weniger offenkundige Tatsache, daß wir das schon in der eigentlich historischen Epoche unseres Staatslebens waren, mit dem jedenfalls unzutreffenden Argument zu stützen: neben der aristokratischen amtlichen Geistlichkeit (den Priestern) sei eine demokratische in den Propheten entstanden. Mit so modernen und so einfachen Kategorien ist dieser Urgegensatz des Judentums, der bis heute wirksam bleibt, nicht zu fassen. Eine wahrhaft geschichtsphilosophische Betrachtung hätte sich mit dem zunächst genau umgekehrt liegenden Fall zu beschäftigen, hätte den Propheten als Märtyrer, als Einsamen, als Unpopulären, als Opponenten, als „Helden des Trotzdem" zu sehen und ihn dann sorgsam gegen die „falschen", d. h. die populären Heilspropheten abzugrenzen. Von dieser gesicherten Grundlage aus könnte man wieder auf das Begriffspaar: Aristokratie und Demokratie zurückgreifen und käme dann etwa zu folgenden Ergebnissen: der Prophet verbindet die aristokratische Seelenhaltung des Einsamen, die aristokratische Religiosität des Einzelnen, die aristokratische Politik des Weitsichtigen und von einer Idee, nicht von einer Mehrheit Gelenkten mit einer demokratischen Tendenz: er will, leidet und tut das alles nicht für sich, sondern für das Volk. Der „Vater der Propheten", wie der Talmud unsern Lehrer Mosche nennt, hat es ausgesprochen, und wenn auch kein Prophet wie er mehr aufstand in Israel, so haben es doch alle mit ihm gefühlt: „Wenn doch das ganze Volk, wenn sie doch alle Propheten wären 1" Dies war die Demokratie der Propheten: nicht eine, die ausgeht von der gegebenen Gleichheit der Menschen, sondern die abhängig ist von der Hinaufpflanzung aller. Dagegen ist der Priester ab-

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