Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1921-01-01 · Heft 3 · p. 194

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 3
Article
Die landwirtschaftlichen Kwuzoth in Palästina
Date
1921-01-01
Page
194 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3101111-3101175-3101179-3106569--4977-3106638
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

194 Umschau: Kolonisation diese Erkrankungen hätte verhüten können. Bei alldem hat das Wasser allein 14 mal so viel gekostet als der Brunnen gekostet hätte (anstatt der 1000 Fr., die 1914 für die Ausgrabung des Brunnens erforderlich waren, hat man im Laufe von 5 Jahren 14000 Fr. für das Wasserholen ausgegeben), und als man endlich 1920 den Brunnen graben Heß, suchte man so billig davonzukommen, daß das Geld als hinausgeworfen anzusehen ist, da der Brunnen nichts taugt. Selbstverständlich wird all dies der Kwuzah zur Last gelegt und tritt ^später in der Form eines Defizits zutage. Nach langen Bewerbungen assignierte der Missrad 3 000 Fr. für Viehfutter in Tel-Adas; das Geld wurde aber ratenweise im Laufe eines Jahres ausbezahlt; Indessen änderten sich die Preise und die Gerste kostete die Kwuzah anstatt 3 000 schon 11000 Fr. Um eine Unterstützung von 500 Pfund zu erlangen, mußte man 60 Pfund auf Reisekosten nach Jaffa und auf Wartekosten dort verausgaben. Eine Anleihe der Bank kommt nicht auf 7%, wie es offiziell heißt, sondern auf 14°'0, denn die Reisen und das Warten verdoppeln die Ausgaben. Viele Kwuzoth sind noch bis heute in Fremd quartieren und haben keinen festen Sitz. Schon abgesehen von den Arbeitsgenossenschaften In Petach-Tikwah und in En-Chaj — sogar die Siedlungsgenossenschaften müssen oft ein Nomadenleben führen. Nur einzelne Kwuzoth, die direkt mit dem Nationalfonds verbunden sind, fühlen sich daheim, die meisten aber hängen in der Luft. Talpioth bei Jerusalem und die Kwuzah neben Jaffa bebauen einen gepachteten arabischen Boden; Tirah ist bei den Deutschen; die Kwuzah in Tel-Adas wirtschaftet schon 6 Jahre auf einem Boden, von dem es ungewiß ist, ob er ihr gehört oder nicht; sogar Merchawiah, die einen Boden des Nationalfonds bebaut, hat noch über .sich einen besonderen Herren und muß stets bereit sein, ihren Ort der Oppenheimerschen Genossenschaft zu überlassen; die Kwuzoth von Obergaliläa sind auf dem Boden der ICA mit Einverständnis ihres palästinensischen Vertreters, aber ohne Erlaubnis der Hauptverwaltung gegründet worden; die Arbeiter verlangten, daß der Boden dem Nationalfonds übergeben werde, und erhielten als- Antwort die gewöhnlichen Vertragsentwürfe, die die ICA Kolonisten gegenüber gebraucht; vorläufig ist ihr Boden nicht einmal von den anderen ICA Gütern recht abgegrenzt und einzelne Bodenstriche der Kwuzah werden auch oft mit solchen der ICA-Kolonisten vertauscht. Ganz vogelfrei sind jene Kwuzoth, die auf dem Boden von Privatgesellschaften und Achusoth arbeiten. Im Jahre 1913 kauften die Chowewe- Zion 11000 Dunam Boden in Karkur, 1914 verkauften sie davon einer Londoner Achusah 10000 Dunam und einem reichen Zionisten aus Tschita 6000 Dunamen, Vom ersten Tage an arbeitete in Karkur eine Kwuzah — zunächst als „Eroberungs-", später als Siedlungsgenossenschaft. Sie erkämpfte den Boden, reinigte ihn, pflanzte Bäume längst der ganzen Grenze, baute 5 Häuser aus. Zu Beginn des Moratoriums betrieben dort gegen 70 Arbeiter Ackerbau und kamen fast ohne Defizit aus, hielten die schwersten Kriegsjahre durch, lebten um 50 Fr. den Monat, litten von Fieber und Heuschrecken. Sie hofften, nach Friedensschluß würden auf diesem Boden noch andere Kwuzoth entstehen und Karkur würde zu einem bedeutenden Arbeitszentrum in Samaria werden. Aber der erste Gast, den der Friedensschluß brachte, war jener zionistische Unternehmer aus Tschita, der ein Papier vorwies, daß Karkur ihm gehöre. Die Kwuzah wurde aus ihren Häusern verjagt, um seinen Verwaltern mit ihren arabischen Dienern Platz zu machen. Jetzt wird sein ganzer Boden von arabischen Arbeitern bebaut. Die Kwuzah mußte sich mit den 600 Dunam begnügen, die von der Chowewe-Zion Übrig geblieben waren, und ihre Baracke jenseits der von ihr selbst angelegten Baumgrenze aufschlagen. Voriges Jahr noch umsäumte die Kwuzah ihren Landstrich mit einem Borochow-Wäldchen und nun spricht man schon davon, daß die Chowewe Zion auch einen Teil der 600 Dunam privat verkauft hätten. So bleibt auch die letzte Baracke nicht mehr sicher in jüdischen Arbeiterhänden. Derselbe Zustand herrscht in den Kwuzoth Saronah,Kfar-Uriah, Balfouria, Biriah, Kanaan — überall können plötzlich die „wirklichen" Herren des Bodens erscheinen, die von der zionistischen Welt dazu gemahnt und organisiert werden, und dann nimmt die Kwuzah und mit ihr auch die jüdische Arbeit ein Ende. Die Geschichte von Karkur wiederholt sich von neuem und der jüdische Arbeiter muß zum Wanderstock greifen. Läßt sich bei derartiger Heimlosigkeit etwas wirklich Standfestes bauen? Wie kann man da ameliorieren, die notwendigen Wirtschaftsbauten errichten, Pflanzungen anlegen, Maschinen bestellen? Kann man da ohne Defizit arbeiten? Zum Unglück herrscht noch dazu überall die J a h r e s Wirtschaft, sogar dort, wo der Boden schon besser gesichert ist Die Kwuzah erhält immer das Budget auf ein Jahr. Die gemachten Ausgaben müssen noch im selben Jahre mit Ueberschuß herausgeholt werden: „zwischen dem Säen und dem Dreschen". Nur für dieses Jahr trägt die geldgebende Instanz die Verantwortung für das Geld, sowie nur iür dieses Jahr die Kwuzah die Verantwortung für die Arbeit trägt. Es ist also eine Ordnung, die ganz in Widerspruch mit dem Wesen der Landwirtschaft steht. Wo in aller Welt macht ein Landwirt seine Rechnung nur auf ein Jahr! Kann man da an Steigerung der Produktivität denken? An Entwicklung von Arbeitszweigen, die erst später Frucht tragen?

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.