Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die landwirtschaftlichen Kwuzoth in Palästina
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 193 (sequence 9)
- Language
- German
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Umschau: Kolonisation 193 des städtischen Intelligenzlers nicht mehr verlockend ist und die ihre Befriedigung in der neuen arbeitenden Gesellschaftfin den. Den Neueinwandernden bieten die Kwuzoth ein Heim. Allmählich wächst der Einfluß der Kwuzoth auf das politische und geistige Leben des ganzen Landes: aus ihrer Mitte kamen die Vorkämpfer von Ober-Galiläa; in ihren Lagern ist die Vielsprachigkeit fast ganz beseitigt; sie bilden die Hauptstütze der" Arbeiterpresse; ihr Geist bestimmt die Formen der Arbeiterbewegung und sie waren es, die bei den Wahlen in die Assephat Haniwcharlm die Losungen der Arbeiterschaft unter der jüngeren Wählerschaft zur Popularität brachten und den Arbeitervertretern den stärksten Flügel in der Nationalversammlung verschafften. Wie ein Berg lastet auf den Kwuzoth die unaufhörliche Gefahr der Defizite. Das beseelende Ziel ist ja eine Gemeinschaft, die von ihrer eigener Hände Arbeit lebt. Und wenn die Einkünfte des gegebenen Zeitabschnittes nicht die Ausgaben der Kwuzah decken und es bleibt nui* ein Schuldkonto im Finanzierungsamt — da erscheint der ganze Leidensweg vergeblich. Gegner der Arbeiterschaft und Ideologen der privatwirtschaftlichen Kolonisation warten nur auf ein Defizit in der Kwuzah, um es gleich in alle Welt als Beweis dafür auszuposaunen, daß freie Arbeit einen Ruin bedeute, daß die Kwuzah bankrott sei, daß die zionistische Organisation nur die Kolonien, die auf Lohnarbeit aufgebaut sind, unterstützen dürfe, denn es gebe keinen anderen Ausweg. Und manche der Kolonisationsleiter, die in die Kwuzoth- Bewegung nur zufällig und notgedrungen — ohne Liebe und ohne innere Überzeugung — hineingezogen worden sind, suchen nur allzu oft nach einem Vorwand, um* diese ganze, ihnen fremde Sache los zu werden. Wohin ist nicht das „Axiom" gedrungen, daß die Kwuzoth unbedingt mit Defizitwirtschaft verbunden seien? Darüber sollte eigentlich gar nicht diskutiert werden. Denn wenn die jüdischen Massen wirklich nicht anders selbständig und produktiv zu machen sind, als durch Defizite im Laufe von soundsoviel Jahren — dann ist dies eben der Weg dazu. Wäre die jüdische nationale und soziale Befreiungsarbeit auch noch ein rentables Geschäft, das sofort lauter Profit bringt, dann hätten dies Geschäft sogar die Assimilanten und die Bourgeoisie längst gemacht, Überflüssig wäre dann der gesamte Organisations- und Finanzapparat. In Wahrheit aber ist das ganze „Axiom" von vornherein falsch, oberflächlich gesehen, böswillig gedeutet. Denn in Wahrheit erzählt die Geschichte der Kwuzoth etwas ganz anderes: in Machnajim brachte die Kwuzah im Jahre *9i8, als die Mark etwas im Werte gestiegen ^ar, einen Reingewinn von 6000 Fr.; die kleinere Kwuzah Bar-Tobiah schloß dasselbe Jahr mit einem Ueberschuß von 600 Fr. Und hatte im unglücklichen Jahre 1919, als eine Viehseuche einen Verlust von 400 Pfund verursachte, dennoch einen Ueberschuß von 560 Pfund; Daganiah wirtschaftete die ersten paar Jahre ohne Ueberschuß und ohne Defizit; das Jahr 1915 — als der Boden besser, die Ernte reicher wurde und die Preise die alten blieben — brachte 10000 Francs Überschuß; das Jahr 1916 — 55000 Fr., 1917 -— 75000 (die zwei folgenden Jahre waren weniger gut). Es ist also unrichtig, daß die Kwuzah- Wirtschaft Defizit bringen müsse. Wahr ist aber, daß gegenwärtig die meisten Kwuzoth ihre Jahresbilanz ohne Gewinn und sehr oft auch mit Verlust abschließen. Wahr ist auch, daß sich in vielen Kwuzoth unter den Arbeitern eine Abspannung bemerkbar . macht, daß hie und da auch Unzufriedenheit, ja sogar Enttäuschung hervortritt. Sucht man objektiv nach dem Grunde, so erfährt man, daß nicht die Kwuzah als Wirtschaftsform und gewiß nicht die freie Arbeit als solche dran schuld ist — schuld ist das System , aus dem heraus die Kwuzoth errichtet wurden, schuld sind die Instanzen, von denen die Kwuzoth abhängig sind. Die leitenden Kolonisationsorgane, in deren Hände das materielle Schicksal des neuen Versuches gelegt ist, sahen niemals in der Kwuzah das Hauptgebiet ihrer Tätigkeit, sie behandelten diese stets stiefmütterlich und riefen sie ins Leben gleichsam gezwungen und ohne mit dem Herzen bei der Sache zu sein. Es galt als ein Glücksfall, wenn es der Arbeiterschaft gelang, ein Budget für noch ein'Jahr zu erlangen. Und wann kümmerten sich die berufenen Instanzen um entsprechende technische Hilfsmittel, um passende Wohnungen, um Wasserversorgung? In allen fünf Kwuzoth von Obergaliläa mußte man Stunden mit Wasserholen verlieren und dazu Menschen- und Viehkraft verschwenden.. Die Wohnungsnot ist überall ungeheuer, die Sümpfe der Umgebung nirgends getrocknet und die Krankheiten wirken bekanntlich auch sogleich auf das Budget der Kwuzah. In Gan-Schmuel z. B. hart neben Chederah — im Zentrum des Fiebergebietes--wohnen 12 Arbeiter in der Stickluft zv/eier nicht großer Zimmer; eine Arbeiterfamilie von 5 Menschen nimmt ein Zimmer ohne Herd ein, ein anderes eine Familie von 6 Menschen. Und das Resultat ist: 101 Krankheitsfälle (auf 31 Menschen) im Laufe eines Jahres (1919). In Tel-Adas bewohnen 6 Arbeiter ein Zimmer. In den Baracken ist es eng und kalt. Um 1000 Fr. konnte man dort einen Brunnen graben: 5 Jahre lang verlangte die Kwuzah die Zuweisung dieser Summe und 5 Jahre hindurch erwartete sie umsonst die Antwort; indessen holte man sich Wasser aus dem Nachbarsumpfe und zahlte dafür mit gelbem Fieber: das Ende war: 25°/0 Krankheitstage unter den Erwachsenen und 3o°'0 unter den Kindern; obgleich die Luft des Ortes selbst eine gesunde ist und man bei entsprechender Vorsorge