Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die landwirtschaftlichen Kwuzoth in Palästina
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 192 (sequence 8)
- Language
- German
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192 Umschau: Kolonisation fanden sich im Lande ein Dutzend Kwuzoth, und als der Krieg zu Ende war, überstieg deren Zahl dreißig. Aus einem vereinzelten und vorsichtigen Versuch wuchs die Kwuzah zu einem sicheren Bau empor; aus einem Nebenweg, einer Übergangsforn: wurde sie zur einzigen Stätte jüdischer Arbeiterkolonisation — zu einer Grundzelle jener Gemeinschaft, für die die suchende und blutende Menschheit auf alfen Fronten kämpft. Auf dem Wege zur neuen Lebensform in Erez Israel stieß die Arbeiterschaft auf eine Reihe von Fragen und Schwierigkeiten rein menschlicher Natur. Kaum begannen die sozialen Zukunfts träume die Form von Wirklichkeit anzunehmen, so traten auch sogleich die Hemmungen der Wirklichkeit zu Tage. Vor allem tauchte das Familien-Problem auf. Die ersten Kwuzoth bestanden meistens entweder aus jungen Männern oder aus Mädchen. Mit der Verheiratung eines Mitglieds wuchsen seine Bedürfnisse, der frühere Lohn blieb bestehen. Hie und da traten Konflikte zu Tage zwischen dem Wunsche nach individuellem Familienleben und dem Streben zur Kommune. Der FamiHentisch schien mit der gemeinsamen Kwuzah-Ausspeisung konkurrieren zu wollen. Es gab dafür keine vorgesehene feste Ordnung, von nirgends kam da Rat oder Hilfe. In der Arbeit selbst sowie in den Nöten des neuen Lebens wandelte jede Kwuzah ihren eigenen Weg - und baute ihr inneres Gefüge je nach Art und Neigung der Mitglieder. In Gän- Schmuel z. B. bekommt noch jetzt (1920) ein verheirateter Chawer den gleichen Lohn — 7 Pfund — wie ein lediger, und die Frau arbeitet wie vor der Heirat und bekommt ihren Lohn. Die notwendigen Ausgaben für das Kind müssen dadurch erspart werden, daß die Familie ihre Hauswirtschaft unabhängig von der Kwuzah führt. In Ben-Schemen dagegen, wo die gesamte Wirtschaft im Rahmen der Kwuzah geführt wird, haben die Arbeiter selbst den Beschluß gefaßt, daß ein Verheirateter um *^ein Pfund mehr Lohn als ein lediger bekomme und außerdem noch ein Pfund für jedes Kind. Da wurde also die Grundlage für ein neues Prinzip geschaffen, das in der kapitalistischen Welt unbekannt ist: Abhängigkeit des Lohns nicht von der Qualität der Arbeit, sondern von dem Grad der wirklichen Bedürfnisse. Eine viel radikalere und aussichtsreichere Lösung der Frage erreichte Daganiah und später — in weiterer Form -— Tel Adas: die Kwuzah gilt als eine Familie und die Kinder werden erzogen auf Kosten der gesamten Kwuzah; die Vermählung eines Mitglieds zieht keine Erweiterung seines Budgets nach sich und die Mutter, befreit von den Sorgen der Kinder- Erziehung, kann auch nach der Verheiratung, soweit nur ihre Gesundheit es ihr erlaubt, ihrer Arbeit in der Kwuzah-Wirtschaft nachgehen, als gleichberechtigtes Glied der Gesamtfamilie. Im größten Gebäude von Tel Adas herrscht vom Morgen bis zum Abend die freie arbeitende Kinder-Republik, geleitet von einer mütterlichen Erzieherin, unter deren Obhut die Kinder essen, arbeiten, lernen. So ersteht hier, im Segen genossenschaftlicher Arbeit, zwischen Feld und Garten, eine neue Generation. — in Gemeinschaft erzogen, an die Arbeit gewohnt, hebräisch redend, nicht wissend vom Fluche des Mein und Dein, frei von unwürdiger Anpassung und Unterjochung, fern von der krämerischen Stadt, jenseits der Galuth. Die innere Organisation und die Verwaltung sind noj/h bis heute nicht überall einheitlich geörSnet. In Tirah z. B. wird die Arbeit zu Anfang der Woche durch eine Kommission von 5 Chawerim verteilt, von denen zwei jeden Monat neu gewählt werden. In Kinereth wird die Arbelt von einer fünfgliedrigen Arbeiterkommission geleitet,' die auf die Dauer von zwei Monaten gewählt wird. In Ben-Schemen wird die Kommission der Fünf auf ein ganzes Jahr gewählt In Merchawiah und in Karkur wird die Arbeit jeden Abend beim gemeinsamen Essen verteilt. In Tel-Adas ist für die Wirtschaftsfrage eine allgemeine Versammlung entscheidend, die fast jeden Samstag abend abgehalten wird. Große Sorgen bereitet der Kwuzah die Frage der auswärtigen Mitglieder. Die Landwirtschaft Ist meistens so geartet, daß sie zur gewissen Saisonzeit mehr Arbeitshände erfordert. Der Kolonist vergrößert für diese Zelt die Zahl der Arbeiter. Die Kwuzah will aber keine Ausbeutung und kann keinen Unterschied machen zwischen Arbeitern- Herren und Arbeitern-Mietlingen. So bemühen sich viele Kwuzoth, die Lohnarbelten von vornherein zu vermeiden. In Machnajim, Merchawiah und Tel-Adas gibt es überhaupt keine gedungenen Arbeitskräfte. Dies ist aber nicht so leicht erreichbar in den größeren und mehr konsolidierten Kwuzoth. Regen, plötzlicher Wetterumschwung, Krankheiten, Schutzmaßnahmen, unvorhergesehene Fälle machen die Mitarbeit noch immer notwendig. Manche Kwuzoth sehen sich deshalb von vornherein mit einer größeren Zahl von Mitgliedern vor, als gewöhnlich ihre Wirtschaft erfordert, um in der Saisonzeit genug eigene Arbeitskräfte zu haben; für die stillere Arbeltszeit übernimmt eine solche Kwuzah Arbeit von außen. In anderen Kwuzoth ist die Wirtschaft vielartiger und die Saisonperioden folgen aufeinander. Ein radikaler und einheitlicher Ausweg ist da noch nicht ermittelt worden. Allmählich beginnen die Kwuzoth auch Fernstehende an sich heranzuziehen. Unter dem Einfluß eines Lehrers in Tiberias haben sefardische Mädchen ihr orientalisches Müßiggängertum verlassen und sich der Kwuzah angeschlossen. Unter den Absolventen des Gymnasiums und des Lehrerseminars wächst die Zahl derjenigen, für die die Laufbahn