Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die landwirtschaftlichen Kwuzoth in Palästina
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 190 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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igo Umschau: Kolonisation berührte die Funktionsverteilung zwischen Arbeiter und Arbeiterin den wundesten Punkt der Gesamtwirtschaft der Kwuzah: der Arbeiter erschien da als der Einbringer, die Arbeiterin als Ausbringerin, und der Lohn wollte ja bekanntlich niemals ganz genügen und die Sorge um die Defizite ließ die Kwuzah-Mitglieder keinen Augenblick in Ruhe. Die Tatsache, daß die Frau auf den engen Kreis von Hauswirtschaft und Wäscherei beschränkt war, wirkte auch schädlich auf die Gesamtwirtschaft: die Geflügelzucht war Überall vernachlässigt, eine Reihe von Kwuzoth pflanzte kein Grünzeug und man mußte es beim Araber kaufen, wie es der Städter oder der nachbarliche Kolonist tat. Die älteren und erfahrenen Arbeiterinnen spürten schon lange diese Not und kämpften schon jahrelang um die Teilnahme der Arbeiterin an allen Wirtschaftsfunktionen und Wirtschaftssorgen. Die Kwuzah konnte sich aber — unter dem Druck der Defizite — nicht aufs Experimentieren einlassen, konnte nicht zur Schulfarm für die Unerfahrenen werden und Überließ alle Gebiete der Wirtschaft auch fernerhin den mehr Erfahrenen, also nicht den Arbelterinnen. Den ersten Schritt zur teilweisen Lösung der Frage hat wohl die Mädchen-Kwuzoth in Kinereth getan, die vom zionistischen Frauen verein erhalten wurde und in der sich in den ersten Jahren die besten Arbeiterinnen eingefunden hatten. Die Farm schien aber die Erziehung von Kolonistenfrauen anzustreben, begann bald als Zöglinge nur junge Kinder aufzunehmen — und so blieb da das Problem ungelöst. Indessen wuchs stetig die Zahl der Arbeiterinnen, und einigen älteren von ihnen gelanges schließlich doch in die Wirtschaft einzudringen und die Legende zu zerstören, daß die Arbeiterin nur am Ofen oder am Wäschetrog dem arbeitenden jüdischen Jischuw nützlich sein könne. Die offiziellen Politiker und Schicksalswalter des Jischuw wurden erst dann dafür gewonnen, als das Motiv der Rentabilität hinzugekommen war. Als nämlich in der Kriegszeit der Mangel an Lebensmitteln stark wurde, die Nachfrage nach Gemüse wuchs und das Militär gute Preise zahlte, da erschien es naheliegend,daß besondere Mädcben-Kwuzoth,die sich nur dem Gemüsebau widmen würden, vorteilhaft werden könnten. Die erste Arbeiterinnen- Kwuzah enstand ein Jahr vor dem Kriege in Ben-Schemen, wo auch noch eine Farm, geleitet von einem Agronomen, bestand. Eine bedeutende Rolle spielte die Mädchen- Kwuzah in Petach-Tikwah. In der Kolonie Saronah waren die Mädchen die einzigen jüdischen Einwohner im Dorfe, denn der Boden war an Kolonisten verpachtet, die selbst in Jemma-wohnten und ihren Landstrich durch die arabischen Fellachen bebauen ließen. Die Kwuzah existierte da vier Jahre. Trotz der schwersten Lebensbedingungen dieser kleinen, einsamen jüdischen Frauensiedlung war ihre Arbeit von Erfolg begleitet- Später kamen einige Arbeiter hinzu und die Kwuzah begann auch etwas Ackerbau zu betreiben. Dann entstand die „Kwuzah der Zwanzig" in Kinereth, die eine Gemüsewirtschaft entwickelte, außerdem nach' den nachbarlichen Kwuzoth Arbeitshilfe leistete und die Ausspeisung der Sumpfarbeiter der Nachbarschaft besorgte. Gleichzeitig trat in die gemischte Kwuzah von Kinereth eine Gruppe Arbeiterinnen ein, die mit Erfolg die Arbeit im Hof, im Garten und in der Küche übernahm. Neue Mädchen-Kwüzoth sind gegründet worden in Tiberias, Merchawiah, Ekron, Methulah, Jaffa, hauptsächlich auf gepachtetem Boden. Der Boden für die Kwuzah in Jerusalem wurde bei einem Araber gepachtet/ An der Spitze der Mädchen- Kwuzah in Mikweh-Israel stellte sich ein fachmännisch erfahrener Arbeiter, der diese Kwuzah in eine Musterfarm für Arbeiterinnen verwandeln sollte. Gegen 100 Arbelterinnen konzentrierten sich in all diesen neuen Frauen-Kwuzoth und die Arbeit war überall erfolgreich. In Ekron und in Petah- Tikwah wurden die ersten glücklichen Versuche in der Konservenwirtschaft gemacht. Aus diesen Kwuzoth gingen wohlerfahrene Arbeiterinnen hervor, die später als bedeutende Stützen in den gemischten Kwuzoth erschienen. Unter dem Einfluß der Mädchen- Kwuzoth änderte sich die Lage der Arbeiterin in den gemischten Kwuzoth. Man fing an, Männer auch zur Küchenarbeit hinzuzuziehen, und dies erwies sich als praktisch. Ebenso entzog man den Mädchen das Monopol auf die schwere Wäscherei-Arbeit und so wurden die Arbeiterinnen allmählich fast zu allen Wirtschaftszweigen herangezogen: sie führten ein und erweiterten den Gemüsebau, die Geflügel- und Bienenzucht, die Milchwirtschaft und die Pflanzungskultur. Der neueinwandernden Pionierin boten diese Mädchengruppen das Heim, wo sie unter Gleichgesinnten den ersten Beistand auf dem Dornenwege des Arbeiterlebens fand. Daher fanden auch bald Eingang das Buch, die Zeitung, Abendkurse, die hebräische Sprache. Als aber das Militär das Land verlassen hatte, Lebensmittel von der Ferne einzutreffen begannen, die Gemüsepreise fielen — da brachte der Jahresabschluß, trotz aller Anstrengungen und trotz guter Ernte, ein Defizit. Damit wurde das Schicksal dieser ganzen Bewegung besiedelt. Die Leiter der zionistischen Kolonisation dachten nicht lange nach und fanden die Lösung: mit einem Federstich schlössen sie alle acht Wirtschaftspunkte, entließen hundert Arbelterinnen und zerstörten also den ganzen Bau, den soviel Jugendkraft, soviel Opfer, Mühe und Sehnsucht aufgerichtet hatten. Nur eine Mädchen-Kwuzah in Kinereth blieb noch bestehen — als Erinnerung an dieses Zerstörungswesen, als Vorwurf und Mahnung. Die zweite Position, die in den Kriegsjahren gewonnen wurde, war von dauernderem