Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die landwirtschaftlichen Kwuzoth in Palästina
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 188 (sequence 4)
- Language
- German
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Umschau: Kolonisation Da brach der Krieg aus, Nie vorher hat sich die zähe Treue des jüdischen Arbeiters Erez Israels so bewiesen, wie in diesen schweren Jahren der Prüfung. Und nie vorher hat sich so sehr der Segen offenbart, der~dej\ Kwuzahwirtschaft innewohnt. Vollgepfropft pflegten die Schiffe Jaffa zu verlassen, voll von Intelligenzlern, von Geschäftsleuten, von jugendlichen Kolonieinsassen und Städtern aus dem alten und neuen Jischuw — nicht von dannen gefahrenist der Kwuzah-Arbeiter . . , Bas brüderliche Zusammenleben und die Freiheit innerhalb der Kwuzah gaben immer neuen Ansporn. Aber mit jedem Jahre wurde es schwerer, gegen die Kriegsnot anzukämpfen. Am ärgsten erging es der jungen Merchawlah-Genossenschaft. Ihre Leitung befand sich im Auslande und mit Ausbruch des Krieges wurde sie von dieser Leitung ganz getrennt Die Verwaltung ging nun an das Palästinaamt über, das aber von jeher Merchawiah kühl gegenüberstand, ohne rechtes Zutrauen zu dessen grundlegenden Prinzipien, Auch innerlich traf der Krieg diese Kwuzah in einem kritischen Augenblick, Die Oppenheimerschen Grundlagen, aus der Fremde her verpftanzt, stimmten wenig mit den Bedürfnissen der Kwuzah-Mitglieder überein, die niemals Anhänger Oppenheimers gewesen sind; auch erschienen oft diese Grundlagen in einem Gegensatz zu dem umgebenden Kwuzoth, die durch den freien Willen des jüdischen Arbeiters selbst geschaffen worden waren; bald kamen noch hinzu Reibungen mit dem deutschen Agronomen, der kein Hebräisch verstand und der Arbeiterschaft seelisch entfremdet blieb; diese Reibungen verstärkten sich, als der Leiter gegen den Willen der Arbeiter Araber in der Wirtschaft aufnahm^ Die Reformen mußten bis zum Abgang des' Leiters verschoben werden, und gerade nach dessen Abgang, als Merchawiah vor einer neuen Entwicklungsperiode stand, überraschte es der Kriegsausbruch und es sollte, im Innern geschwächt, noch die Last der Kriegsjahre auf sich nehmen, Dazu wendete noch die türkische Regierung gerade dieser Kwuzah ihr besonderes Augenmerk zu: Merchawiah war damals auf den Namen Dr, Arthur Ruppius registriert; die türkische Regierung hielt es also für ein zionistisches Nest, ließ kein Auge davon, requirierte die Pferde, belastete die Siedlung mit dreifachen Steuern, erzwang den Verkauf von Getreide gegen wertloses Papiergeld. Und als die Deutschen kamen, betrachteten sie die Kooperative als die ihrige: sie nahmen die Häuser für ihr Militär in Anspruch und für die Chawerim blieben nur der Stall und das freie Feld übrig. Das Resultat war: 8oü|0 Fieberkranke im Laufe eines Jahres, Und trotz alledem war die Rentabilität gerade in den Kriegsjahren stets im Wachsen begriffen: im Vorkriegsjahre hatte die Kooperative 35 ooo Fr. Defizit, in ersten Kriegsjahr schon 22 ooo Fr,, im zweiten 15 000, im drittten 11 000, im vierten 8000 Fr. Es schien die Möglichkeit nahe, bald die Defizite ganz los zu werden, da begann aber der Prozeß der Kursänderungen: die türkische Lire, vorher stabil mit 8 Francs bezahlt, wurde nun vom Palästinaamt mit 23 berechnet und diese künstliche Steigerung machte das Defizit unvermeidlich» Erbittert trugen die Arbeiter die Last weiter — in der einzigen Hoffnung auf den Tag, da die Gründer der Kooperative einmal ins Land kommen und den Wagen aus dem Sumpf ziehen würden. Am 10, November 1918 kamen endlich, nach Merchawiah — gesandt vom Nationalfonds — zwei leitende Agronomen und erklärten der Genossenschaft, es sei kein Geld mehr vorhanden, die Lage zu bessern und den Arbeitern stehe nun frei, zu tun was sie wollten. Die Genossenschaft zerfiel: die Chawerim, die fast alle im Lande blieben, zerstreuten sich über andere Kwuzoth und Kolonien. An der Stelle der verschwundenen Kooperative arbeiten nun in Merchawiah zeitweilig zwei neue Kwuzoth — eine für Landwirtschaft und eine für Pflanzenkultur. Unermeßlch sind die Leiden, die der Krieg mit seinen Begleiterscheinungen — Hunger, Krankheit, allerlei Verdächtigung und Verfolgung — der jüdischen Arbeiterschaft des Landes zufügte. Um die Arbeitsplätze nicht verlassen zu müssen, nahmen die Arbeiter die türkische Staatsbürgerschaft an, mußten aber bald teuer dafür bezahlen, nachdem die Türkei selbst in den Krieg eingetreten war* Der Grimm Djemal Paschas war hauptsächlich gerichtet gegen die zionistischen und revolutionären Elemente, vor allem gegen die Arbeiterschaft und ihre Positionen. Dazu wurden noch gerade die Kwuzoth zum Kriegsschauplatz und zu Soldatenquartieren. In Kinereth, Daganiah, Migdal, Merchawiah hausten monatelang die deutschen Soldaten, in Ben Schemen die Engländer. Als später die Jagd nach Spionen in Erscheinung trat, da fiel dies mit aller Schwere auf die jüdische Arbeiterschaft ... Und dennoch waren gerade die Kriegsjahre die schöpferische Epoche im Leben der jüdischen Arbeiterschaft des Landes — die Epoche selbständiger Tat und innerer Konsolidierung. Nirgends im ganzen Lande wurde der Flecktyphus so energisch bekämpft, wie in den Kwuzoth. Arbeiterinnen wurden Krankenpflegerinnen und schützten mit Selbstaufopferung die Chawerim vor dem Untergang. Die selbständige Wirtschaft, die gemeinsame Küche retteten vor Hunger, die gegenseitige treue Unterstützung half aus den Gefahren. Damals wurde der „Hamaschbir* ins Leben gerufen mit der Aufgabe, das Getreide zusammenzukaufen und die Konsumenten — ohne Vermittlung von allerhand Händlern — mit Brot zu versorgen, und er arbeitete sich bald zu einer zentralen Arbeiterinstitution empor, die berufen erschien, alle Arbeitsgenossenschaften zu ernähren und zu diesem Behuf