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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 3 · p. 187

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 3
Article
Die landwirtschaftlichen Kwuzoth in Palästina
Date
1921-01-01
Page
187 (sequence 3)
Language
German
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Umschau: Kolonisation 187 gleich allen anderen entlohnt, kümmern sich um die Verteilung der Arbeit und führen die Geschäfte; eine gemeinsame Küche, geleitet von einigen Arbeiterinnen (mit Unterstützung von Arbeitern, die einander periodisch ablösen) ernährt alle gleich, dem allgemeinen Arbeitslohn entsprechend, wofür jeder am Ende des Monats die gleiche Summe zahlt; ein provisorisch eingerichtetes Krankenzimmer nimmt alle Erkrankten auf, geleitet von einer Arbeiterin - „Schwester**, dieebenso der Arbeiterfamilie angehört, den gleichen Arbeitslohn bekommt und die gleiche Nahrung empfängt; auf gemeinsame Kosten wird das notwendige Buch gekauft, die gewünschte Zeitung abonniert, die eigenen Arbeiterorgane unterstützt: allgemeine, freie, gemeinschaftliche Arbeit, gleicher Gewinn, gemeinschaftlicher Verbrauch, gemeinsamer Selbstschutz, gegenseitige Unterstützung in einem brüderlichen Zusammenleben — so entwickelte sich und so verblieb die jüdische landwirtschaftliche Arbeitsgemeinschaft in Erez Israel — die Kwuzah. Allerdings konnte in diesem ersten Stadium der Kwuzah-Entwicklung wenig daran gedacht werden, die Lebensbedingungen zu heben, bessere Wohnungen herzustellen, die Technik der Arbeit zu intensivieren, größere Summen für eventuelle Verbesserungen zu verwenden, die sich erst nach Jahren rentieren würden. Man beabsichtigte damals überhaupt nicht, am Ort zu bleiben. Die Kolonisationsämter wußten ja, daß bald die eigentlichen Herren, die Grundbesitzer, mit den nötigen Summen herkommen und nach ihrem Gutdünken Aenderungen vornehmen würden. Und die Arbeiter selbst empfanden zwar oft die Ungerechtigkeit dieser Ordnung, das zwecklose Uebermaß ihrer Leiden, aber im Grunde hielten sie es meistens für selbstverständlich, denn sie waren ja gar nicht bestrebt sich an den einen Ort zu binden: sobald nur die gefahrvolle „Eroberungs-**Zeit vorüber ist, die schwere Arbeit vollbracht, das jüdische Besitztum gesichert, der Boden gereinigtund parzelliert,— dann ziehen sie auf und davon, und schlagen ihre Zelte an einem anderen vom Nationalfonds erworbenen Orte auf, in einer anderen Gegend, wo neue Schwierigkeiten und neue Gefahren ihrer harren. Je hoffnungsloser aber sich die Zukunft des jüdischen Arbeiters in der Kolonie gestaltete, desto stärker wuchs in den Mitgliedern der K wuzah das Bewußtsein, daß ihr neuer Weg nicht provisorisch bleiben dürfe, daß er vielmehr zum Selbstzweck werden müsse, Denn wie sollte man sich auf die Dauer damit zufriedengeben, den Boden zu erobern, bloß um ihn den Kolonisten zu Überlassen, die arabische Arbeiter jüdischen vorziehen und dem Ausbau der ersehnten jüdischen Gemeinschaft h ndernd im Wege stehen? Es kostete die älteren Pioniere viel Mühe, den Arbeitern den Gedanken einzuprägen, daß das Wandern ein Ende nehmen muß, daß es notwendig ist, auf dem Einzelorte dauernd zu bleiben selbst die Verantwortung für den Erfolg der Wirtschaft zu übernehmen und das eigene Schicksal nicht bloß an das Land als Ganzes, sondern an einen bestimmten, wenn auch noch so kleinen erkämpften Punkt zu binden und darin Wurzel zu fassen. Um die Arbeitsverwaltung weniger kostspielig, die Arbeit selbst freier zu gestalten, mußte ein Kampf aufgenommen werden um die Beseitigung der Administrationsbeamten, mußte den Kolonisationsämtern die Ueberzeugung beigebracht werden, daß die Arbeiterschaft selbst imstande war, die Verantwortung für die Wirtschaft zu tragen, wenn diese ihr ganz überlassen würde. Indessen wurde auch in der zionistischen Oeffentlichkeit — unter direktem Einfluß der jüdischen Arbeiterbewegung — der Gedanke der kooperativen Kolonisation populär. Der Zionistenkongreß beschloß in Merchawiah eine Arbeitergenossenschaft nach dem System Franz Oppenheimers zu gründen. Die Poale Zion entfalteten damals für dieses Projekt eine große Propaganda. Die zionistische Leitung im Lande selbst fügte sich der allgemeinen Stimmung und gab den Forderungen der Arbeiter nach. Daganiah, Kinereth, Gan- Schmuel, Kastinie — die dem Nationalfonds gehörten und vom Palästinaamt bewirtschaftet wurden, sowie die Oppenhelmersche Siedlungsgenossenschaft in Merchawiah — das sind die ersten größeren Arbeiter-Kwuzoth in Erez Israel. Nirgends waren noch genügend Häuser vorhanden. Der Nationalfonds gab den Boden, das Palästinaamt bestritt die Kosten der Saat, des lebenden und toten Inventars, des Existenzminimums des Arbeiters. Würde bei Jahresende, nach Abzug der Schulden, des Bodenpachtzinses, des Arbeitslohns, der Amortisationssumme und der Prozente noch Ueberschuß bleiben, so sollte dieser zur Hälfte zwischen der Arbeiterschaft und dem Nationalfonds verteilt werden. Für die Politiker des jüdischen Jischuw, besonders für die ideologischen Verfechter der privatwirtschaftlichen Kolonisation, war es von vornherein klar, daß da unnütz Geld vergeudet werde: Arbeitern allein könne man keine Wirtschaft anvertrauen, bloß jüdische Arbeiter verwenden hieße auf Verlust hinarbeiten, von freier Arbeit — ohne Herren und Antreiber — sei überhaupt nichts Gutes zu erwarten, das genossenschaftliche Prinzip töte von vornherein alle Initiative u. dergl. m. Es erwies sich aber, daß diese Schwarzseher im Irrtum waren. Merchawiah hat groß angefangen und es mußte noch mit dem Endurteil abgewartet werden, aber Um-g'Uni, daß eine Kleinwirtschaft betrieb, schloß schon in den ersten Jahren seine Rechnungen ohne Defizit ab. Der neue Versuch begann also immer festere Hoffnungen zu wecken, die Bestrebungen der Arbeiterschaft begannen populärer zu werden, 13*

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