Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die landwirtschaftlichen Kwuzoth in Palästina
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 186 (sequence 2)
- Language
- German
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i86 Umschau: Kolonisation hängig von der Kinereth-Verwaltung zu arbeiten. (Dieser Teil der Kinereth-Farm trug damals noch den arabischen Namen „Um-g'Uni," jetzt heißt er „Daganiah".) Diese Kwuzah existierte nur ein Jahr und an ihrer Statt kam dann die Gemeinschaftsgruppe aus Chederah, die schon den bittren Kelch des Kibusch-Haawodah geleert und zur Genüge erfahren hate, daß ohne selbständige Wirtschaft eine sozialistische Gemeinschaft nicht haltbar ist. Zur selben Zeit begann auch die praktische Arbeit im Lande seitens der zionistischen Organisation. Der frühere Beschluß, den Nationalfonds bis zur Erreichung einer gewissen Kapitalstärke zum Bodenkauf im Lande nicht zu verwenden, wurde aufgehoben und in Erez Israel wurde ein zionistisches Palästina-Amt eröffnet, daß mit den Mitteln des Nationalfonds die Arbeit zu beginnen hatte. Bodenkäufe wurden damals in solchen Landesteilen gemacht, wo noch niemals der neue jüdische Jischuw eingedrungen war. Zum erstenmal erschien wieder der Jude im Emek Jesreel, zum erstenmal wurde das Jordantal der neuen jüdischen Kolonisation erschlossen. Die Käufer waren: der Nationalfonds, die zionistischenKolonisationsgesellschaften und Kolonisationsinsütute wie „Geula", P. L. D. C, ja sogar private zionistische Gesellschaften, wie z. B. die Moskauer Gruppe „Migdal". Dabei lag ihnen allen fern, selbständige jüdische Arbeiterdörfer schaffen zu wollen; das Ziel war vielmehr, später den Boden an einzelne Privatbesitzer zu verkaufen, um für den Erlös neuen Boden zu erwerben und diesen dann wieder an andere jüdische Gutsbesitzer zu verkaufen. Die Kolonisationsinstitute hielten sich bloß für berufen, zu vermitteln, daß der Boden aus den Händen des arabischen Scheichs in die Hände jüdischer Eigentümer übergehe, unabhängig davon, ob diese allein arbeiten oder andere für sich arbeiten lassen würden. Nun entstand aber ein Hindernis dadurch, daß der Boden unmöglich in dem Zustande an Einzelbesitzer verkauft werden konnte, in dem er gekauft worden war schon deshalb unmöglich, weil diese Einzelkäufer gar nicht da waren, und es erwies sich notwendig, zuerst in den Galuthländern eine Agitation ins Werk zu setzen, damit sie kommen und kaufen; dann aber mußte der Boden von Steinschutt gereinigt werden, Häuser mußten darauf gebaut, Brunnen gegraben werden, und inzwischen durfte nichts brach liegen, denn laut dem türkischen Rechte darf bekanntlich kein Boden drei Jahre unbearbeitet bleiben. Was aber am wichtigsten war: dieser Boden sollte zunächst energisch verteidigt und erkämpft werden. Denn nach den arabischen Vorstellungen vom Eigentum genügt es nicht, daß ein* Bezitzer dem anderen für eine bestimmte Geldsumme, unter bestimmten schriftlichen Formalitäten, sein Recht auf den Boden ver-* kauft: nach seinem Rechtsbewußtsein heißt besitzen vor allem — verteidigen. Das wäre auch dann der Fall gewesen, wenn der Jude da autochthon und als Landarbeiter bekannt und gern gesehen gewesen wäre, erst recht aber, da das Ganze als unangenehme Ueberraschung kam und dabei der Jude in der Vorstellung des Arabers stets als Städter und als schwächlicher Feigling galt, der gar nicht imstande sei, seinen Besitz zu verteidigen und also auch nicht wert sei zu besitzen. So mußte zuerst diese Vorstellung des arabischen Nachbarn geändert werden, mit Waffen in der Hand mußte zuerst der Boden verteidigt, die Ueberfälle wandernder Beduinen und nachbarlicher Araber zurückgeschlagen werden; der unbearbeitete Boden mußte zunächst zum Verkauf vorbereitet werden; da keine Häuser vorhanden waren, mußte man dabei in provisorischen Baracken oder in schwarzen arabischen Hütten oder in Pferdeställen, zusammen mit den Tieren hausen. Dazu genügte es aber nicht Zionist zu sein und in einem jüdischen Dorfe wohnen zu wollen — dazu bedurfte es des heroischen Opferwillens des Pioniers. Und der war nur zu finden bei der eingewanderten Arbeiterschaft und bei der Jugend, die hinkam, um eine Arbeiterschaft zu werden. So mußten das Palästinaamt und die Kolonisationsinstitute vorläufig auf ihre Absicht verzichten, den Boden an Privateigentümer zu verkaufen, sie mußten vielmehr ihr Vermögen den Arbeiterpionieren anvertrauen, damit diese den Boden erst eroberten und auf ihren jungen Schultern die ganze Last der ersten Kolonisationsjahre trügen. Auf diese Weise entstanden die ersten Kwuzoth-ha-Kibusch — die „Eroberungs"- Kwuzoth. Die wichtigste Rolle spielte dabei der Haschomer. Um ihn konzentrierte sich eine breitere Schicht von Arbeitern- Kämpfern. Es begannen die Ueberfälle, es kam der Angriff auf Merchawiah, der Tod Jecheskiel Nissanows, die Verhaftung der sieben hervorragendsten Schomrim. Aber mit diesen Schwierigkeiten wuchs auch die innere Kraft, wuchs die äußere Anerkennung. Und als der Arbeiter selbander mit seiner Arbeit blieb, dem eigenen Arbeitermilieu überlassen, ohne Arbeitgeber \ind ohne Aufseher, begann auch bald das gemeinschaftliche Leben der Kwuzoth Formen anzunehmen, die den inneren Intentionen seiner Träger entsprachen: alle Arbeiter—alt und jung, erfahren 'und unerfahren in der Arbeit — bekommen nun einen gleichen Minimallohn, der gerade zu einem knappen Auskommen genügt, (zuerst 45, später 50 und 60 Fr. monatlich); die Verantwortung für die Verwaltung tragen alle GemeindeUeder und die Leitung der Arbeit obliegt nicht mehr einem fremden Aufseher — der über der Arbeiterschaft stünde, nur zum Kommandieren bestellt, und durch ein Gehalt, weit größer als der Arbeitslohn, das Gesamtbudget belasten würde — sondern Gewählte aus der eigenen Mitte,