Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die landwirtschaftlichen Kwuzoth in Palästina
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 185 (sequence 1)
- Language
- German
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UMSCHAU KOLONISATION Di© landwirtschaftlichen Kwuzoth in Palästina*) Die genossenschaftliche Kolonisation Palästinas ist vierfach jünger als die privatwirtschaftliche und für die allgemein jüdische Öffentlichkeit erschien ihre Entwicklung fast wie eine Überraschung. Die jüngste jüdische Arbeitereinwanderung nach Erez Israel — die nach dem Homeler Pogrom begonnen hat und nach der ersten russischen Revolution intensiver geworden ist — war zunächst nicht vom Bestreben geleitet, neue Kolonisationspunkte und neue Kolonisationsgrundlagen zu schaffen. Die Arbeiterschaft und jene jüdische Jugend, die im Lande zur Arbeiterschaft wurde, strömte, damals in die Kolonien —, um neben dem bestehenden Bauerntum und Kleinbürgertum eine jüdische landwirtschaftliche Arbeiterklasse ins Leben zu rufen. Die Losung war: „Kibusch Haawodah" („Eroberung der Arbeit"). Und der jüdische Arbeiter gab sich freudig mit dem Lohne des bedürfnislosen Arabers zufrie'den, fügte sich willig in dessen Lebens- und Arbeitsbedingungen, durchdrungen vom jugendlichen Geist des Pioniers, der all seine Kraft und all seine Bedürfnisse der höchsten Notwendigkeit zum Opfer bringt: den Jischuw durch jüdischer Hände Arbeit zu begründen ... Das Ziel dieser Arbeiter-Pioniere wurde aber nicht erreicht. Der arbeitgebende Kolonist fühlte sich stets innerlich gleichsam herabgesetzt gegenüber diesem selbstlosen Heroismus seiner jüdischen Arbeiter und deren stille Geduld stand oft vor ihm wie ein Vorwurf. Einen derartigen Unterschied zwischen jüdischer und arabischer Arbeit konnte kein jüdisches Opfer beseitigen. Außerdem waren ja nicht alle Eingewanderten, die von freier Arbeit auf jüdischer Erde träumten, bereit, es dem knechtischen Fellachen gleichzutun und den jüdischen Kolonisten, der von arabischer Arbeit demoralisiert war, zufriedenzustellen. Niemanden konnte es begeistern, für alle Ewigkeit Hörige nichtstuender Kolonisten zu bleiben, die überdies noch auch arabische Arbeiter beschäftigen. Und je mehr die Unzufriedenheit des jüdischen Arbeiters Wuchs, desto mehr löste sich der jüdische Kolonist von der Suggestion des opfervollen *) Im Einvernehmen mit dem Verfasser entnehmen wir diese zusammenfassende Darstellung dem unter dem Titel „Die Arbeit in Erez Israel" von der „Palästina-Arbeiterkommission" der Poale Zion in jiddischer Sprache ausgegebenen gehaltvollen Bericht. (Anm. d. Red.) Hefts Pioniertums. So ist damals keine jüdische landwirtschaftliche Arbeiterklasse in den Kolonien geschaffen worden, und der jüdischen Arbeiterschaft — der alten wie der zugewanderten — erwuchs die Aufgabe, neu© Arbeitsformen zu suchen, die mehr ihrem Geiste und ihrem Streben entsprechen. Es gab keinen ausgearbeiteten Plan, wie den neuen Weg ausfindig zu machen. Die wissenschaftlichen Kräfte, die an der Kolonisationsarbeit beteiligt waren, hegten wenig Glauben an den jüdischen Arbeiter, standen seinem Geiste und seinen Nöten zu fern. Die jüdischen Arbeiterführer draußen hatten gerade damals gegen die beginnende politische Reaktion und gesellschaftliche Abspannung zu kämpfen. So blieb der jüdische Arbeiter Erez Israels in seinem einzigartigen Streben zur eigenen Lebensform vereinsamt, auf seine eigene Beharrlichkeit und die Unterstützung jener vereinzelten Getreuen angewiesen, die jahraus jahrein unaufhörlich ins Land kamen, um sich in die jüdischen Arbeiterreihen zu stellen, gemeinsam in der Wirrnis zu suchen, als Sieger zu fallen. . . Heute besitzt der jüdische Arbeiter Erez Israels über 40 Kwuzoth, d. h. landwirtschaftliche Genossenschaften, die auf dem Prinzip kooperativer Arbeit und kommunistischer Lebensstruktur aufgebaut sind, die einen Boden von mehr als 20 000 Dunam umfassen und über 600 jüdische Arbeiter und Arbeiterinnen in freier Arbeit, ohne alle Frohnherren, beschäftigen. Und es waren nur zwei Kräfte, die den jüdischen Arbeiter zu dieser Lebensform brachten: einerseits die objektive Notwendigkeit jüdischer Kolonisation — diktiert von außen; andererseits der alles Überwindende Geist der Pioniere, mit ihrer Sehnsucht nach jüdisch-sozialistischer Tat, nach gerechtem und produktivem Gewerkschaftsleben — drinnen im Lande. Eine kleine Arbeitergruppe zog von Judäa nach Galiläa, trat dort in die Landarbeiterorganisation „Hacheresch" ein — spätere Begründer des Haschomer — und rief im Winter 1908 in Sedschera, auf dem Boden der ICAv jene erste jüdische Arbeitsgemeinschaft ins \,eben, die das kleine Stück Land, das sie von der ICA erhielt, auf eigene Verantwortung zu bearbeiten begann. Damals dachte noch niemand daran, daß dies der Weg war, der später die gesamte jüdische Arbeiterschaft an sich ziehen würde. Ein Jahr später vereinigte sich eine andere Gruppe von 10 jüdischen Arbeitern in Chederah, wo sie bei Privatunternehmern arbeitete, zu einem Kommune-Leben. Und noch im selben Jahre trennte sich ein Teil der Arbeiter der Nationalfonds-Farm Kinereth, jenseits des Jordan, von der Mutterfarm, um unab- 13