Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Überschätzung der Diplomatie in ihrer Wirkung nach innen
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 183 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3101111-3101175-3101179-3106568--4965-3106627- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Bemerkungen: Die Üeberschätzung der Diplomatie und ihre Wirkung nach Innen 183 sations"- und Vereinswesens. Alle diese Organisationen und Vereine behaupten nichts anderes als Organe des Volkes nach der oder jener Auffassung zu sein. In Wirklichkeit sind sie nichts anderes als eine neue, moderne Ausstaffierung des Epitropos, des Vormunds, des Reichen oder Mächtigen, der „für sein Volk" wirkt, wie es ihm gut dünkt, für sein Volk, mit dem er von vornherein nicht rechnet, weil er ans Volk nicht glaubt und in diesem Unglauben noch durch die Zustimmung bestärkt wird, mit dem es sein beleidigendes Tun begleitet. Der Epitropsutcharakter der Vereine und Organisationen äußert sich nach zweierlei Richtung. Bezüglich der Epitropsim, also der an der Bevormundung aktiv Beteiligten in der Politik mit „Ehrenstellen". Würden wir diesen Mißbrauch abschaffen wollen, ginge uns zweifellos ein ungeheurer Teil unserer „Mitarbeiter" verloren. Bezüglich der an der Bevormundung passiv Beteiligten äußert sich diese einerseits in der Zuweisung von Geld und Geldeswert, andererseits in den Interventionen bei Staatsbehörden und ähnlichen Institutionen. Gute Beziehungen zum Joint und das Eintauschen kleiner persönlicher Vorteile zu Gunsten einzelner Juden für eine würdige nationale Haltung gegenüber den Staatsbehörden, das waren in der Zeit, der wir jetzt zu entwachsen hoffen, die Grundlagen der „zionistischen Bewegung" im Volke. Auf sie stützte man sich, wenn man in den besseren zionistischen Landesorganisationen Gelder aufbrachte, insbesondere, wenn man für den Keren Haj'sod sammelte. Die einen rührten sich, weil der Glanz ihrer Ehrensteilen zu verbleichen drohte, wenn nichts hereinkäme, und andere gaben etwas her, weil es jene Stellen verlangten, die noch am ehesten Geld aus Amerika verschafften, oder bei der Regierung Schank- und ähnliche Konzessionen schützen konnten. Sowie aber bei der englischen Regierung die Politik der immer bereiten Gegendienste schließlich Schiffbruch leiden mußte, so hörte auch beim jüdischen Volk die Hintertreppenpolitik bei der amerikanischen Philantropie, bei der polnischen, rumänischen, tschechischen Regierung usw. auf zu wirken. Und sowie es für Weizmann und Sokolow nur den einen Ausweg gibt, die Regeneration des Volkes in den Mittelpunkt zu stellen und statt mit ihren Immer bereiten Gegendiensten mit dem elementaren Schrei des auferstehenden jüdischen Volkes nach Reinheit und Freiheit vor die englische Regierung zu treten, so werden wir auch nach innen das jüdische Volk nur so zu wahren Opfern für die Volkssache erziehen können, wenn wir unermüdlich und gläubig an der Reinigung und Wiedergeburt des Volkes arbeiten und ihm wieder den unstillbaren Hunger nach menschenwürdigem Leben einzuflößen wissen. Dann wird die dritte Stufe der Keren Haj'sodsammlung erreicht sein, jene dritte Stufe, die allein Erfolge bringen kann. Nachdem wir gesehen haben, wie das Diplomatisieren der jetzigen zionistischen Leitung nicht ein persönlicher Fehler Weizmanns und Sokolows war, sondern tief im Wesen der Galuth begründet ist, bezüglich deren Ueberwindung wir uns gar groben Täuschungen hingegeben haben, kann es uns am allerwenigsten überraschen, daß das Diplomatisieren sich nicht nur in die Aufbringung der Geldmittel für unsere nationale Arbelt, nein, daß es sich in diese nationale Arbeit selbst eingeschlichen hat. Bezüglich der Kolonisation will ich mich nur darauf beschränken anzudeuten, was ich meine. Es wird zu sehr darauf gesehen, auf Menschen, die sich nicht verbunden fühlen, Eindruck zu machen. Die Leiterin der Mädchenfarm, Hannah Meisel hat sich einmal beklagt, daß die Farm durch die vielen Besuche der „Interessenten" sehr in der Arbeit aufgehalten werde. Das ist ein typischer Fell. Ich will mich über diesen Punkt nur deshalb nicht weiter verbreiten, weil ich in Kolonisationsfragen nicht aus eigenem schöpfen kann, sondern auf Gehörtes angewiesen bin. Anders ist es mit der Erziehung. Hier kenne ich manches, wenn es auch periphere Erscheinungen sind, aus eigener Anschauung und bin vor allem durch lange Erfahrungen und intensivste theoretische Beschäftigung imstande, auch bei mittelbar erworbenen Kenntnissen mir Gehörtes wirklich anschaulich zu machen. Und da komme ich zu der traurigen Feststellung: Unsere Erziehung ist wenig volkstümlich. In Palästina führt sie die jungen Menschen in bedenklichen Ausmaß aus dem Land hinaus und an den