Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Überschätzung der Diplomatie in ihrer Wirkung nach innen
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 182 (sequence 2)
- Language
- German
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182 Bemerkungen: Die Ueberschätzung der Diplomatie und ihre Wirkung nach Innen Kombinationen operiert, die mittels des Verstandes aus dem Nichts zu steigen schienen, zwar haben sie nicht im Namen des lebenden jüdischen Volkes gesprochen, sie haben aber doch schon im Namen des jüdischen Volkes — der Zukunft gesprochen. Man kann dies aber nicht anders als unter die Ansätze rechnen. Denn da Wechsel auf die Zukunft mit allzugroßem Widerwillen honoriert werden, so mußte Epltropsut mehr nachhelfen, als gut war. Man kann eben nicht gut von Zukunft reden, ohne ernstlich mit ihrer Verwirklichung zu beginnen. Das ist der Kern der zionistischen Krise auch in inneren Angelegenheiten. Das zeigt sich ganz deutlich in der Frage des K e r e n H a j' s o d. Sowie Weizmann und Sokolow im Grunde den staatsrechtlichen Anspruch auf Palästina durchsetzten, weil sie mit der Kraft des Glaubens behaupteten, das jüdische Volk werde in Europa und Amerika alle Fleischtöpfe Aegyptens verlassen und die verwüstete Volksheimat aufbauen, so kann man Geld für den Keren Haj'sod nur bekommen, wenn man mit der Kraft des Glaubens erklären kann, das jüdische Volk werde alle Bequemlichkeit und alles Wohlleben aufgeben, um den Aufbau von Erez Israel in finanzieller Beziehung zu ermöglichen. Als die Bereitschaft des Volkes, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, nur in weltpolitisch völlig bedeutungslosen Ansätzen festzustellen war, da suchten Weizmann und Sokolow durch rein persönliche Beziehungen, durch Geschicklichkeit, durch Diplomatisieren die Tore der Zukunft offenzuhalten. Im Innern aber, bei der Aufbringung des Geldes, verlegte man sich auf die Epitropsut von Anfang an. Das ging vor allem für Amerika. Und Mitteleuropa oder gar Osteuropa sind ja durch die Valuta praktisch so gut wie ausgeschaltet. Der Sieg Weizmanns in Amerika kann unmöglich ein tatsächlicher gewesen sein. Sonst müßte man deutlicher in Amerika ein Volksbewustsein verspüren. Anfänge scheinen freilich schon da zu sein; die Ermöglichung einer hebräischen Tageszeitung ist doch eine bedeutsame Hoffnung, Vorläufig aber beruht fast all das neue wirtschaftliche Leben in Palästina auf Privatunternehmungen, die zwar trotz aller berechtigten Bedenken in der Not des gegenwärtigen Augenblicks wertvoll sind, aber keinen Ersatz für die nation ale Kolonisation bilden können, die nur entstehen kann, wenn das Volk bereit ist, selbst zu handeln und seine Vertrauensmänner nicht •mehr als Epitropsim, sondern als die Vollstrecker seines Willens zu betrachten. Wie ist es zu der Niederlage in Amerika gekommen? Denn trotz aller offiziellen Siegesmeldungen müssen wir das Fehlen einer Keren Haj'sodbewegung als nationale Volksbewegung in Amerika eine Niederlage des Zionismus nennen. Nur damit können wir uns trösten, daß Aussichten auf einen Sieg vorhanden sind. Doch werden ihn die bestzusammengestellten Delegationen nicht herbeiführen, wenn nicht inzwischen eine innere Wandlung in der zionistischen Partei eintritt, wenn nicht an die Stelle des Diplomatisierens, der Epitropsut, die Regeneration in Gestalt einer wahren jüdischen Volksbewegung tritt. Martin Buber zeigt uns, wie sich das in der zionistischen Außenpolitik bemerkbar machen muß. Hier soll jetzt gezeigt werden, wie die innere Wandlung bei der Geldaufbringung zu Tage treten müßte. In dieser Beziehung gibt es, von dem so unheilvollen amerikanischen Chaos abgesehen, drei Stufen. Die schlimmste ist die der schamlosesten Epitropsut: wenn das Geld einzig und allein der persönlichen Beziehung zuliebe gegeben wird. Es ist die Art, wie der Keren Haj'sod in solchen Ländern aufgebracht wird, wo im Vergleich mit der heutigen, ohnehin schlimmen Gesamtsituation der Zionismus noch besonders schlimm darniederliegt Sie hat u. a, zur Folge, daß die dem Judentum am fernsten stehenden Elemente, die durch ihre Assimilation und durch die ihrer Väter emporgekommen sind, eine unsichtbare, aber um so wachsamere Herrschaft über den Zionismus ausüben und ihn bald hart an den Rand des Abgrunds bringen. Die zweite Stufe stellt zwar einen besseren Zustand dar, ist aber noch gefährlicher, weil sie im Gegensatz zur ersten heutzutage die Regel darstellt. Da ist das persönliche Moment unmittelbar nicht mehr anzutreffen, es versteckt sich unter kompliziertesten Beziehungen. Ihre wichtigste und dabei gefährlichste Form ist die Überwucherung des „Organi-