Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Überschätzung der Diplomatie in ihrer Wirkung nach innen
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 184 (sequence 4)
- Language
- German
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1$4 Bemerkungen: Die Üeberschätzung der Diplomatie in Ihrer Wirkung nach Innen westeuropäischen Universitäten studieren so manche junge Leute auch aus Osteuropa, die entweder durch das neue freie jüdische Büdungswesen oder direkt durch hebräische Mittelschulen hindurchgegangen sind und die trotz ihres Bildungsganges fern von allen nationalen Sorgen ihrem kleinen, persönlichen Zielchen, einem Doktor- oder Ingenieurtitel, nachjagen und angesichts dieser winkenden Ehre die jüdische Vergangenheit samt der jüdischen Gegenwart und Zukunft völlig vergessen. Und ein neues Bildungswesen ist sonst doch immer verhältnismäßig suggestiv! Schon das Bewußtsein allein, das sprachliche und kulturelle Parasitentum losgeworden zu sein, müßte jenen demütigen Stolz erzeugen, der den „Dienern am Licht" eigen ist und ganz besonders dem eigen war, der dieses Wort populär gemacht hat. Statt dessen finden wir bei diesen Menschen soviel hochfahrende Kriecherei. Sie verrät uns, daß auch dieses Bildungswesen noch stark mit dem Geiste der Epitropsut behaftet ist, daß es vor allem nach außen zu gefallen sucht und sich nach innen der Schwere seiner Aufgabe nur äußerst unzureichend bewußt ist. Bis in die relativ besten Schulen hinein steht im Mittelpunkt des Interesses das „staatsgültige Zeugnis". Es werden keine Menschen erzogen die ihre Zukunft wirklich mit der Zukunft des Volkes verbinden und die infolgedessen jede Anerkennung von außen an der gesundenden Wirkung nach innen beurteilen und messen würden Dort wo das jüdische Schulwesen geradezu aus der Schwächung eines der Regierung des betreffenden Landes nicht genehmen Minderheitsschulwesens die Kräfte saugt (Schwächung des magyarischen Schulwesens durch die jüdischen Schulen in Rumänien, des russischen Schulwesens in Beßarabien usw.), dort tritt der Epitropsutcharakter des jüdischen Schulwesens am klarsten zu Tage. Interessen außerjüdischer Mächte sind nicht mehr klug benützte Helfer, sie sind die ausschlaggebendenden Herren der neuen Situation. Aber auch dort, wo die jüdische Schulpolitik von Liebedienerei nach außen freigesprochen werden kann, wie es etwa bei der stolzeren jüdischen Politik in Litauen der Fall ist, auch dort noch trägt das jüdische Bildungswesen mancherorts den Charakter eines Firmenschildes. Man sieht ihm an, daß es doch vor allen die Aufgabe hat, den Epitropsim eine Legitimation zu geben, von der jüdischen Philanthropie in Amerika Geld und von der Regierung der Galuthheimat Schutz zu verlangen. Sonst könnten wir uns nicht damit abfinden, daß das jüdische Bildungswesen inhaltlich ein schnöder Abklatsch des Bildungswesens der zurückgebliebeneren unter jenen Völkern ist, von denen Weizmann einst gesagt hat, daß sie „noch als Wilde herumgegangen sind, als unsere Vorfahren schon eine Weltkultur geschaffen hatten". Wenn der Wert der Diplomatie in unserer Mitte wieder richtig eingeschätzt wird, wenn infolgedessen wieder die Tatsachen über die Demonstrationen Überwiegen werden, die man den Epitropsim auf den Weg gibt, dann wird vor allem die Erziehung wieder in den Mittelpunkt aller nationalen Regeneration treten. Sie ist auch die Voraussetzung der Kolonisation, indem nur sie die geeigneten Menschen und die Geldmittel schaffen kann. Eine Pseudoerziehung kann vorhandene nationale Tatsachen nur stützen (vergl. z. B. den Drill der Schüler für den vorhandenen Militarismus), sie kann sie nicht schaffen. Das kann nur eine wahre, d. h. im realen Volksleben wurzelnde Erziehung mit reinen, echten und kühnen Zielen. Darum ist die Schaffung eines Mittelpunktes aller jüdischen Erziehung, eines Waad chinuch klali, voll reiner, edler und kühner Geistigkeit, eines Waad chinuch klali, der zu gleichen Teilen aus dem Waad hachinuch in Erez Israel und einem zu bildenden Waad hachinuch lagolah zu beschicken wäre, der erste Schritt zu einer Regenerationsbewegung auf Grundlage der Tatsachen. Und diese allein kann den Zustand beseitigen, daß alle unsere Arbeit so sehr nach außen gerichtet war, so daß auch unserer Außenpolitik nichts anderes übrig bleibt, als dieser „Orientierung" Rechnung zu tragen. Oskar Epstein